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“Wir tauschen unsere Freiheiten gegen effizientere Behörden”

Viktor Mayer-Schönberger zählt zu den wichtigsten Netzvordenkern. Ein Gespräch über den NSA-Skandal und die Konsequenzen daraus

In China wurde sein neues Buch bereits zum Bestseller, in Österreich erschien es kürzlich am Markt. Viktor Mayer-Schönberger ist einer der weltweit renommiertesten Internetrechtsexperten. Nach einigen Jahren in Harvard und Singapur lehrt er heute an der Oxford University, sein neues Buch erklärt das Prinzip “Big Data“. Dabei werden aus riesigen Datenmengen neue Erkenntnisse gewonnen – nicht nur Amazon und Google nutzen diese Analyse-Tools, auch die NSA tut das. Mayer-Schönberger war vergangene Woche in Wien und trat bei den Stadtgesprächen auf, die der Falter mit der Arbeiterkammer organisiert. Im Interview erklärt er, wie uns die Geheimdienste überwachen.

Falter: Herr Mayer-Schönberger, die NSA speichert täglich Milliarden von Daten, etwa Telefonate oder E-Mails ab. Einmal abseits aller rechtlichen Bedenken: Kann die NSA so viele Daten überhaupt auswerten?

Viele verkennen den eigentlichen Fokus der NSA: Denen geht es nicht primär um den Inhalt einer Nachricht, sondern darum, wer wann mit wem kommuniziert hat – also um die sozialen Beziehungen
Viktor Mayer-Schönberger: Sie kann. Viele Menschen verkennen aber den eigentlichen Fokus der NSA: Denen geht es nicht primär um den Inhalt einer Nachricht, sondern darum, wer wann mit wem kommuniziert hat – also um die sozialen Beziehungen. Durch das Speichern dieser Information entsteht ein Netzwerk aller Sozialbeziehungen eines Landes. Wenn ich zum Beispiel einen Terroristen herausgreife und ihn als Knotenpunkt aus diesem Netzwerk ziehe, sehe ich sofort, wer mit ihm in Kontakt stand. Die Geheimdienste können also viel gezielter auf Leute zugreifen.

Aber das ist nur der Anfang, oder? Der Geheimdienst versucht auch Muster zu erkennen und das Profil eines potenziellen Gefährders zu erstellen.

Mayer-Schönberger: Genau, die Geheimdienste suchen nach Mustern von Sozialverbindungen. Nehmen wir an, ein Terrorist hat viele Verbindungen innerhalb einer kleinen Gruppe und diese Gruppe hat wiederum kaum Kontakt mit der Außenwelt. Das ist ein ganz spezielles Muster. Die NSA kann in ihren Datenbanken, also in der gesamten Gesellschaft, nach diesem Muster suchen. Tritt dieses Muster ein weiteres Mal auf, stehen am nächsten Tag zwölf bewaffnete Agenten vor der Tür dieser Person.

Auch dann, wenn diese Person den ursprünglichen Terroristen und seine Zelle gar nicht kennt?

Mayer-Schönberger: Genau, in diesem Fall entsprechen die Sozialbeziehungen der Person demselben Muster. Das führt zum Verdacht, dass sie ebenfalls ein Terrorist sein könnte.

Sind wir Menschen so berechenbar?

Mayer-Schönberger: Jein, wir Menschen sind uns viel ähnlicher, als wir oft glauben wollen. Sonst würden zum Beispiel die Produktempfehlungen von Amazon nicht funktionieren. Wären wir Menschen tatsächlich so individuell, dann könnte uns der Onlinehändler nicht so treffsicher Produkte anbieten, die uns tatsächlich interessieren. Amazon schaut sich an: Kunden, die dieses Buch gekauft haben, kaufen oft auch jenes Buch. Bei der NSA geht es darum: Ich habe mehrere Terroristen gefunden, die eine spezifische Art von Sozialbeziehungen gepflegt haben, wer die genau gleiche Art von Sozialbeziehungen pflegt, ist womöglich auch ein Terrorist.

Klappt das wirklich?

Mayer-Schönberger: Ja, ich gehe von einer Erfolgsrate von mehr als 50 Prozent aus. Das wirklich Problematische ist, dass diese Tools der Big-Data-Analyse meist gar nicht für Terroristen eingesetzt werden. Wie nun bekannt wurde, lösen das FBI oder die Drogenbehörde DEA ganz normale Fälle damit. Das ist bedenklich, denn Big-Data-Analysen sind ein sehr mächtiges, ein sehr gefährliches Werkzeug.

Sie haben ein Buch über Big Data geschrieben. Was ist das denn?

Mayer-Schönberger: Big Data ist die Möglichkeit, aus einer großen Anzahl an Datenpunkten neue Einsichten zu gewinnen; Einsichten, die man mit weniger Datenpunkten nicht gewinnen könnte. Problematisch wird das dann, wenn es genutzt wird, um Dynamiken in einer Gesellschaft im Vorhinein vorherzusagen und wir mit riesigen Schritten in Richtung “Minority Report“ gehen.

Im Film “Minority Report“ spielt Tom Cruise einen Polizisten, der Menschen für Straftaten verhaftet, die sie in der Zukunft begehen werden. Glauben Sie echt, dass wir uns dorthin bewegen?

Mayer-Schönberger: Ja, in 30 amerikanischen Bundesstaaten wird die Entscheidung, ob jemand auf Bewährung freikommt, bereits mit Hilfe von Big-Data-Analysen getroffen. Dabei wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, ob jemand nach der Freilassung im nächsten Jahr einen Mord begehen wird. Unzählige Kriterien fließen in die Berechnung mit ein, etwa, wie alt die Person ist, welche Straftat sie begangen hat, aus welcher sozialen Schicht sie stammt.

Damit wird dieser Person der freie Wille aberkannt. Immerhin entscheidet sie nicht selbst, ob sie einen Mord begehen wird, der Computer hat das bereits berechnet.

Mayer-Schönberger: Bingo! In so einem Fall können Sie auch nicht mehr ihre Unschuld beweisen. Wie will man denn beweisen, dass man in der Zukunft etwas nicht tun wird? Man ist nicht aufgrund seines Verhaltens schuldig, sondern aufgrund der Vorhersage.

Mit dem Journalisten Kenneth Cukier hat Viktor Mayer-Schönberger dieses Buch verfasst

Mayer-Schönberger: Genau, diese Verwechslung ist das Problem. Die NSA könnte Big Data sinnvoll anwenden und schauen: Unter welchen sozioökonomischen Bedingungen entsteht fundamentalistischer Terrorismus? Wenn wir das wissen, könnten wir versuchen, dem entgegenzuwirken. Es ist jedoch ein Missbrauch von Big Data, wenn ich Korrelationen verwende, um über die Schuld oder Unschuld eines einzelnen Menschen zu urteilen.

Was können wir dagegen tun? Als Europäer hat man oft das Gefühl, dass man sich eh nicht wehren kann.

Mayer-Schönberger: Was die Menschheit gebaut hat, kann sie auch wieder zurückbauen. Wir haben bereits 50.000 Nuklearsprengköpfe auf ein paar tausend reduziert, auch im Bereich der NSA und anderer Geheimdienste muss diese unglaubliche Machtinfrastruktur wieder zurückgebaut werden, wir müssen das nur als Gesellschaft wollen.

Sie haben in Harvard unterrichtet, kennen die amerikanische Politik sehr gut. Sehen Sie eine realistische Chance für einen solchen Rückbau?

Mayer-Schönberger: Ich bin ein notorischer Optimist. Mit einer gewissen Hoffnung sehe ich, dass an beiden Enden des Spektrums, bei Demokraten und Republikanern, der Unmut wächst. Auch vielen Republikanern aus dem rechten Lager behagt das nicht, weil solche Tools auch gegen die Opposition eingesetzt werden können. Insofern bin ich ein bisschen optimistisch, aber ich bezweifle, dass die Obama-Administration diesen Apparat noch zurückbauen wird. Dafür sind die Strafverfolgungsbehörden derzeit zu trunken vom Erfolg, den ihnen Big Data beschert.

Wir stehen also vor dem Dilemma, dass Big Data tatsächlich den Behörden hilft?

Mayer-Schönberger: Genau. Wir tauschen unsere Freiheiten gegen effizientere Strafverfolgungsbehörden ein. Dabei zeichnet eine liberale Gesellschaft aus, dass sie Freiraum auf Kosten von Sicherheit schafft.

Nur, wo ziehen wir die Grenze?

Mayer-Schönberger: Pauschalantworten gibt es nicht. Man kann nicht abstrakt sagen, Sicherheit ist immer wichtiger als Freiheit, oder umgekehrt. Wir müssen die Balance finden und uns als Gesellschaft klar darüber sein: Mehr Freiheit heißt auch mehr Risiko. Wenn die Polizei weniger darf, kann es sein, dass dann vielleicht eine Bombe explodiert.

Das wird aber vielen nicht behagen.

Mayer-Schönberger: Das stimmt. Uns muss aber bewusst sein: Wenn wir stets Risikoverminderung über Freiheit stellen, schränken wir uns damit selbst ein.

Das klingt alles erschreckend. Gibt es denn überhaupt Anwendungsbereiche, bei denen Big Data sinnvoll ist?

Mayer-Schönberger: Natürlich. Denken Sie nur an unser Gesundheitssystem: Im Moment nehmen wir Medikamente auf Basis des durchschnittlichen Patienten, um genau zu sein: auf Basis des durchschnittlichen männlichen Patienten. Das heißt, jeder von uns ist entweder über- oder unterdosiert, denn keiner von uns ist der Durchschnitt. Sie haben einen anderen Metabolismus, eine andere DNA als ich – und trotzdem nehmen wir beide die gleiche Tablette Aspirin.

Was nützt da Big Data?

Mayer-Schönberger: In der Vergangenheit konnte man die Dosis nicht für jeden einzelnen Menschen berechnen. Mit Big Data können wir das. Heute können wir die DNA sequenzieren oder Enzymwerte in Echtzeit analysieren. Diese Daten sagen ungeheuer viel aus, ob jemand krank wird. Mit Big Data ist es möglich, die Diagnose und Behandlung viel mehr auf den Einzelnen abzustellen. Es ist gar nicht so gewagt, wenn ich sage: Ihre Generation wird deswegen sicher 15 Jahre länger leben.

Ich hätte eher Angst, dass ich keine Krankenversicherung mehr bekomme, weil ich das falsche Verhaltensmuster aufweise.

Mayer-Schönberger: Richtig, das ist die Dystopie. In Wahrheit gibt’s zwei Enden des Spektrums: Gesundheitsdaten werden für wirtschaftliche Zwecke genutzt, damit Versicherungen etwa Leute ausschließen können, die viel Geld kosten. Allerdings kann ich dieselben Daten auch in der Forschung verwenden und damit bessere Behandlungen entwickeln. Heute verwenden wir die Daten in erster Linie, um Geschäftsmodelle effizienter zu machen. Aber man sollte sich sehr genau überlegen, ob wir den Versicherungen das erlauben wollen. Ich denke nicht. Für mich bedeutet eine kollektive Krankenversicherung, dass wir weitgehend blind sind gegenüber den Risiken oder genetischen Dispositionen Einzelner. Auch hier gilt: Eine freie Gesellschaft muss Risiken zulassen. In diesem Zusammenhang bedeutet Freiheit Solidarität.

Zum Beispiel Solidarität mit jemandem, der raucht?

Mayer-Schönberger: Oder Solidarität mit jemandem, der als Bluter geboren wurde. Zu dem sag ich auch nicht: Sorry, hast a Pech gehabt, gehst halt sterben!

Sollten wir manche Verwendungszwecke von Big Data gesetzlich verbieten?

Mayer-Schönberger: Ja, gerade beim Datenschutz müssen wir die Verwendung von Daten genauer regeln. Wir sollten festlegen, welche Verwendungszwecke zulässig sind, welche nur unter bestimmten Zwecken zulässig sind und was kategorisch verboten gehört. Dass Versicherungen diese Daten heranziehen, um Menschen auszuschließen, ist für mich so etwas.

 

ZUR PERSON

Viktor Mayer-Schönberger wurde 1966 in Zell am See geboren. Er lehrte in Harvard, forschte in Singapur und unterrichtet heute als Professor an der Oxford University. Der Netzexperte wird gerne von Medien wie der New York Times zitiert. Neulich trat er bei den Wiener Stadtgesprächen auf, die der Falter mit der AK Wien organisiert

Das neueste Buch von Viktor Mayer-Schönberger erklärt den Nutzen, aber auch die Gefahren von Big Data. Er hat es gemeinsam mit dem Economist-Journalisten Kenneth Cukier verfasst. Fünf Jahre arbeiteten die beide an dem Sachbuch, recherchierten spannende Beispiele. Im Oktober ist die deutschsprachige Übersetzung im Redline-Verlag erschienen.

Viktor Mayer-Schönberger ist auch auf Twitter.

 

Dieses Interview erschien im Falter (Ausgabe 41/13). Die obige Infografik zeigt die Geographie von Twitter und von wo weltweit Tweets verfasst werden. (Credit: Flickr-User Eric Fisher). Bild: Viktor Mayer-Schönberger

Categories: Digitales
Ingrid Brodnig:
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