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Published on March 30th, 2011 | by Ingrid Brodnig

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Warum ich Geld für die New York Times zahle

Ich habe gezahlt. Seit Dienstag bin ich digitale Abonnentin der New York Times, gebe pro Monat 15 Dollar für den Zugriff via Web und Smartphone aus.

Die New York Times hat eine Paywall errichtet. Wer mehr als 20 Artikel im Monat online lesen will, muss blechen. Das Bezahlsystem hat viele Feinde, diese erklären das Projekt vorab für gescheitert, schimpfen über den (ihrer Meinung nach zu) hohen Preis oder verbreiten Anleitungen, wie man die Paywall umgeht. Es ist nämlich kinderleicht, über die Bezahlmauer drüberzuklettern und nichts für die Times zu zahlen.

Ich zahle aber gerne. Denn die New York Times macht echt guten Journalismus. Ich lese täglich ihre Artikel und habe das Gefühl, dass sie mein Leben bereichern. Neulich zum Beispiel schrieb eine Autorin, wie das Telefon in ihrem Bekanntenkreis langsam ausstirbt – oder zumindest immer unwichtiger wird. Mich hat dieser Artikel zum Nachdenken gebracht, ich finde, das ist ein Merkmal von gutem Journalismus.

Die Werbeeinnahmen im Netz sind viel zu gering. Sie reichen bisher nicht aus, um hochqualitative Recherche zu finanzieren.

Die New York Times ist eine Ausnahme. Sie leistet sich einen Journalismus, den sich viele andere nicht leisten. Irgendwer muss für diese Recherche zahlen. Ich tat es bisher nicht, ich saß vor meinem Computer in Österreich und klickte mich durchs Web. Theoretisch hat die New York Times mit meinen Clicks verdient, denn sie schaltet ja Onlinewerbung. Aber mal ehrlich: Die Werbeeinnahmen im Netz sind viel zu gering. Sie reichen bisher nicht aus, um hochqualitative Recherche und Redigatur zu finanzieren. Das Pew Research Center schreibt:
 

„For the first time, too, more people said they got news from the web than newspapers. The internet now trails only television among American adults as a destination for news, and the trend line shows the gap closing. Financially the tipping point also has come. When the final tally is in, online ad revenue in 2010 is projected to surpass print newspaper ad revenue for the first time. The problem for news is that by far the largest share of that online ad revenue goes to non-news sources, particularly to aggregators.“

Zusammengefasst: Das Web überholt die Zeitung. Onlinewerbung wird lukrativer als die Printwerbung. Doch die großen Stücke des Onlinewerbekuchen gehen nicht an klassische Nachrichtenseiten, sondern an Google etc.

Guter Journalismus kostet viel Geld und deswegen muss er auch Geld kosten.

Für Zeitschriften wie die New York Times geht die Rechnung online nicht auf. Deswegen führt sie jetzt die Paywall ein. Ich glaube, sie tut das mit gutem Recht. Oliver Schirg, der Onlinechef des Hamburger Abendblatts, hat neulich einen schönen Satz zu mir gesagt. Er meinte: „Guter Journalismus kostet viel Geld und deswegen muss er auch Geld kosten.“
 

Da ist schon etwas dran. Zumindest kenne ich bisher kein anderes Geschäftsmodell, das funktioniert. Das sieht man auch anhand der positiven Ausnahmen. ProPublica.org ist zum Beispiel ein tolles Non-Profit-Portal für investigative Berichterstattung. Die haben sogar schon den Pulitzerpreis bekommen. Das einzige Problem ist: ProPublica wird über private Stiftungen finanziert. Das ist ein spannendes Konzept, aber ich glaube nicht, dass es eine flächendecke Lösung für den Journalismus sein kann.

Und dann gibt es noch andere Ideen, zum Beispiel den Onlinedienst Flattr. Wer einen Artikel liest und ihn gut findet, kann ihn flattrn – also ein paar Cent dafür spenden. Aber Flattr eignet sich nicht zur Finanzierung einer Tageszeitung. Die taz hat im Februar damit 1.296 Euro eingenommen. Das zu wenig, um das Überleben der Zeitung zu sichern.

„Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, sagte der italienische Schriftsteller Antonio Gramsci einmal. Das das wahre Dilemma ist in meinen Augen : Wir verabschieden uns vom traditionellen Journalismus und seinem Finanzierungsmodell, aber wir haben noch keine neue Lösung gefunden.

Und das ist der Grund, warum ich die 15 Dollar zahle.

 

Weitere Links zum Thema

- Das Nieman Journalism Lab fragt: “So, then…if you jump The New York Times’ paywall, are you stealing?”

- Ebenfalls Nieman Journalism Lab: Wie löchrig ist die Paywall der New York Times – und sind diese Schlupflöcher vielleicht sogar gewollt?

- AllThingsDigital spricht mit einem echten Insider: Interview mit Martin Nisenholtz, Digital-Operations-Chef der New York Times

- Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid berichtet aus New York: “Überraschend viele Leser sagten: ‘Bereit zu zahlen’”

- Eine andere Sichtweise zum Thema nimmt Tom Schaffer ein und bloggte neulich: “Was der Fall Strasser über Murdochs Paywall sagt”

- Übrigens gibt es zu Murdochs Paywall nun brandneue Zahlen und eine Analyse des Guardian: “Juggling the Times paywall numbers”

- Zum Schluss noch mein aktueller Artikel im Falter: “Für Geld darfst du gucken!” Über die New York Times und ihren Kampf gegen die Gratiskultur

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5 Responses to Warum ich Geld für die New York Times zahle

  1. Michael S says:

    Aber mal ehrlich: Die Werbeeinnahmen im Netz sind viel zu gering. Sie reichen bisher nicht aus, um hochqualitative Recherche und Redigatur zu finanzieren.

    Und genau da liegt das Problem fuer

    Wir verabschieden uns vom traditionellen Journalismus und seinem Finanzierungsmodell, aber wir haben noch keine neue Lösung gefunden.

    Wenn sich Werbepreise fuer Online Ads den Offline Ads, also Zeitungsinseraten, annaehern wuerden, waere die ganze Geschichte auch ohne Paywall finanzierbar. Denn zieht man bei einer Zeitung die Druckkosten und die Lieferkosten ab, bleibt unterm Strich auch nichts mehr uebrig (oder noch weniger). Zwar wird von den Werbeagenturen immer mehr Geld vom offline ins online advertising verschoben, doch hat das in den letzten Jahren nicht den erhofften Preisanstieg gegeben. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass 15 Dollar pro User nur durch on page advertising praktisch nicht erreichbar sind. Selbst wenn die NYT pro 1000 aufgerufenen Seiten 10 Dollar bekommt (was derzeit eh nicht realistisch ist, eher 1/3 – 1/10 davon), muesste ein User 1500 Seiten pro Monat aufrufen um damit auf 15 Dollar zu kommen.

    Andererseits stellt sich die Frage wie lange es dauern wird um den Aufwand, der die Implementierung und Wartung einer Paywall mit sich bringt, mit Abos zu finanzieren.

    Ich bin auf jeden Fall gespannt wo das in den naechsten Monaten/Jahren hinfuehren wird :-)

  2. ingrid says:

    Danke für den spannenden Einblick in die Zahlen! Was ich mich frage: Ist es realistisch, dass sich die Onlinewerbepreise irgendwann den Offlinepreisen angleichen? In den letzten Jahren ist das ja leider nicht passiert.

    Im App-Store von Apple kommt übrigens ein neues Problem für die Zeitungshäuser hinzu: Da kassiert Apple 30 Prozent des Umsatzes ein, dazu gibt’s auch wieder heftige Debatten (siehe zB http://www.tagesschau.de/wirtschaft/apple142.html).

    • Michael Sp says:

      Ist es realistisch, dass sich die Onlinewerbepreise irgendwann den Offlinepreisen angleichen?

      Darauf kann man natuerlich nicht pauschal mit ja oder nein antworten. Da erstens die Werbeformen sowohl offline als auch online zu verschieden sind. Wenn man online Werbung auf Zeitungsportalen mit Zeitungsanzeigen vergleicht, wuerde ich eher dazu tendieren und “nein” zu sagen. Unterm Strich wird wohl in den naechsten Jahren immer noch mehr mit Zeitungsanzeigen zu holen sein. Doch koennen gewisse Online Kampagnen natuerlich ueber den offline Preisen liegen. Wenn zB gezielt Werbung fuer eine gewisse Zielgruppe geschaltet wird (“nur die 25-35 jaehrigen, alleinstehenden Maenner mit Sportwagen”) sind die Preise dementsprechend hoeher.

      Ich moechte auch noch anmerken, dass die Zahlen, die ich oben geschrieben haben nicht die wirklichen Zahlen der NYT sind. Es sind lediglich Schaetzungen aufgrund meiner Erfahrungen (beschaeftige mich seit 2001 mit Online Werbung und die Preise sind seither stetig gesunken – Ende 90er Jahre waren die Preise am ehesten mit Offline Preisen zu vergleichen). Darueber hinaus bin ich mir ziemlich sicher, dass die NYT bessere Preise fuer Online Kampagnen erzielt als irgendein 08/15 Blog. Trotzdem sind die Preise im Keller, auch wenn die NYT einen 50-fach hoeheren Preis bekommt :-)

      Zu apple: der von dir verlinkte Artikel ist leider etwas einseitig geschrieben. Kurz die Gegenseite: Das mit den 30% stimmt. Allerdings nur fuer “neue” Kunden, also Kunden, die ueber die App angeworben wurden. Es steht jedem Verlag frei, ausserhalb des App Stores Abos zu verkaufen (die dann natuerlich auch innerhalb der App genutzt werden koennen). Fuer solche Verkaeufe bekommen die Verlage dann 100%. So das Argument von Apple.

      Natuerlich sitzt der Dollar lockerer wenn man in der App ist, die Zahlungsdaten hinterlegt sind und man nur noch auf “abonnieren” druecken muss. Das weiss Apple natuerlich auch …

  3. JoM says:

    Warum ich es schrecklich und unverständlich finde, dass so viele Leute so viel Geld für Dreckjournale ohne Wert ausgeben, während niemand für echten Journalismus zahlen will:

    http://karinkoller.wordpress.com/2011/03/26/dinge-die-wir-hassen-frauenzeitschriften/

  4. Alvy Singer says:

    Selbstredend gibt nichts dagegen zu sagen für die NYT zu zahlen. Vielleicht nur, dass wir in seltsamen medialen Zeiten leben, wenn eine Journalistin eine Art Rechtfertigung dafür postet. Es ist aber auch mehr als nur “für guten Journalismus” zahlen – es ist ein Commitment zur Marke, zum Medium und wahrscheinlich eine Art Freude über das implizite Bildungsversprechen einer Zeitung wie die New York Times. Und unterstreicht den Mangel an solchen Angeboten in Österreich. Was ein derartiges Commitment zu geben zur Zeit schwer macht, ist die schiere mediale Vielfalt am Bildschirm. Ein zunehmend diffuser gewordenes Angebot, die oft zitierte mediale Herausforderung. Tageszeitung lesen, Magazine rezipieren und sich dann um die Feeds kümmern. Welches Medium greife ich heraus, um es finanziell zu unterstützen? – NYT, SZ, NZZ, FAZ,…,….,….,….,…..,…,….,….,….,…..,,…,….,….,….,…..,,…,….,….,….,…..,,…,….,….,….,…..,,…,….,….,.Glückwunsch, wenn man hier klar sieht und für sich zu einer Entscheidung kommt. Unglücklich hingegen finde ich die Formulierung “guter Journalismus”. Was das ist, ist stets persektiven-abhängig und kommt meist oberlehrerhaft herüber. Ob die Strasser-Aufdeckung etwa ein Beispiel für “guten Journalismus” ist, halte ich etwa für dikussionswürdig – Büros mieten, Politiker in Versuchung führen usw. Eine Top-Story allemal. Aber “guter Journalismus”. Naja, für mich verwunderlich. Aber egal. Schönes Wochenende.

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