Rezension: Wie wir lernten, die Überwachung zu lieben

Hans Zeger, Österreichs bekanntester Datenschützer, kommt zur überraschenden Erkenntnis: Den gläsernen Bürger gibt es nicht



Hans Zeger hat sich lange geziert, ein Buch über den Datenschutz zu schreiben. Und das, obwohl er Österreichs bekanntester Datenschützer ist. Der Obmann der Arge Daten ist die erste Anlaufstelle für Journalisten, wenn sie einen O-Ton zu den Plänen des Innenministeriums oder zum Wildwuchs an privaten Überwachungskameras wollen. So manch ein Verlag soll bei ihm schon an die Tür geklopft haben. Doch erst jetzt hat Zeger tatsächlich ein Buch geschrieben.



Mensch. Nummer. Datensatz klingt nach der üblichen Überwachungsparanoia: nach Big Brother und dem gläsernen Menschen. Doch Zeger glaubt gar nicht, dass der Überwachungsstaat das wirkliche Problem ist. Ihm geht es vielmehr um die Frage, warum ein so großer Teil der Bevölkerung für mehr Überwachung eintritt. Wie der Untertitel des Buchs verrät, geht es um unsere Lust an totaler Kontrolle. Auf 368 Seiten beschreibt er verschiedenste Bereiche, in denen mehr Überwachung gefordert wird: Das reicht von der Videokamera im öffentlichen Raum bis zur geplanten Sexualstraftäterdatei.



Zegers Buch ist besonders dort spannend, wo er den alltäglichen Überwachungswahnsinn beschreibt – etwa anhand des Beispiels SafeLine. Das ist eine neue Form der Autoversicherung, bei der kontrolliert wird, wie viele Kilometer ein Kunde mit seinem Auto fährt.



Die Vorteile: Im Falle eines Diebstahls lässt sich der Wagen jederzeit orten. Und wer nur wenig durch die Gegend düst, muss auch nur wenig Prämie zahlen. Bei so viel Überwachung schrillen die Alarmglocken der Datenschützer. Doch der besorgte Bürger reibt sich die Hände. Endlich haben Autodiebe keine Chance! Genau diese Begeisterung für Überwachung interessiert Zeger. Trotz des Überwachungspotenzials ist das System für viele Autofahrer attraktiv. Sie fühlen sich nicht überwacht, sondern beschützt und geleitet. Sie sehen sich als, gute” Autofahrer, als, typische” und angepasste Fahrer, schreibt er.



Auch auf diese Weise kann man Autodiebe bekämpfen (Szene aus RoboCop 2).





SafeLine ist nur eines von vielen Beispielen. Aber es verdeutlicht die Grundthese von Zegers Buch: Nämlich, dass die Überwachung in erster Linie dazu dient, dass der Überwachte besser schlafen kann. Die permanente Kontrolle dient zur Gewissensberuhigung. Für verschmierte Schulklos müssen Videokameras her. Für medizinische Fehldiagnosen eine elektronische Gesundheitsakte. Ob diese Kontrollmaßnahmen tatsächlichen Sinn haben, darum gehe es gar nicht. Zeger nennt das einen Registerwahn. Den gläsernen Bürger kann er trotzdem nicht erkennen. Im Gegenteil: Der Staat sei gar nicht daran interessiert, jedes Detail über seine Bürger zu wissen. Vielmehr ginge es in unserer Gesellschaft der Kontrolle darum, die Bürger zu steuern, in die richtige Bahn zu lenken. Das entspricht auch der Bedeutung des englischen Wortes control. Anstelle des gläsernen Bürgers gäbe es gläserne Wände. Die Videokamera dient beispielsweise nicht dazu, Verbrechen aufzuklären, sondern den Bürger von diesen abzuschrecken.



Ein interessanter Gedankengang. Es ist kein Wunder, dass gerade der Arge-Daten-Obmann eine andere Perspektive auf die Überwachungsthematik wählt. Zeger hat Mathematik und Philosophie studiert und versteht sich noch heute als Philosoph. Die Arge Daten wurde im Jahr 1983 gegründet, um George Orwell und seinem dystopischen Meisterwerk 1984 zu huldigen.



Erst später kristallisierte sich heraus, dass der Verein zu einem der wichtigsten Verfechter der Privatsphäre werden würde. Neben klassischem Lobbying betreibt er auch Musterprozesse gegen Datensünder. Zeger betont dabei, dass er die Beamten des Innenministeriums nicht als seine Gegner versteht. Trotzdem ist klar, dass er ihre Überwachungsideen für hirnrissig hält.



Das ist die Schwachstelle seines Buchs: Es verspricht, sich mit unserer Lust an totaler Kontrolle zu beschäftigen. Seine Gedanken regen tatsächlich zum Nachdenken an. Doch so richtig setzt sich Zeger mit der Überwachungsfreude nur in Vorwort und Resümee auseinander. Dazwischen liegen rund 300 Seiten, auf denen er Position bezieht, sich über die Vorschläge der Überwachungsbefürworter streckenweise sogar lustig macht.



Das tut der grundsätzlichen These seines Buchs überhaupt nicht gut. Denn statt die Lust an totaler Überwachung zu beschreiben, erstickt er diese im Keim. Schade. Denn so gehen viele interessante Anmerkungen inmitten der Überwachungskritik unter.




(erschienen in: Falter 44/08)



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Mensch. Nummer. Datensatz. Unsere Lust an totaler Kontrolle. Residenz, 368 S., € 22,-, erhältlich ab 3. November (auch im Falter-Shop).





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