Wir und Pisa, es wird immer mieser

Es gibt eine einfache Lösung für all unsere Pisa-Probleme: Wir schwänzen den nervtötenden Test in Zukunft!







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Mein Gott, ist das mühsam: Alle drei Jahre erscheint die Pisa-Studie und führt uns vor Augen, wie miserabel unser Schulsystem im internationalen Vergleich ist. Alle drei Jahre führen wir dann dieselbe Bildungsdebatte, bei der wieder nichts Konkretes herauskommt. Und nebenbei dürfen wir uns auch noch herumstreiten, ob Pisa a) ein kompletter methodischer Schwachsinn oder b) der Nachweis einer gescheiterten Bildungspolitik ist. Wie wäre es stattdessen mit Antwort C: Pisa nervt.



Vielleicht wäre es am klügsten, einfach aus Pisa auszusteigen. Seit zehn Jahren testet die OECD Schüler in dutzenden Ländern – und jedes Mal fällt auf, dass Österreich extrem viele Problemschüler hat. Das sind zum Beispiel 15-Jährige, die nicht richtig lesen können. Trotzdem ist die Politik einer echten Bildungsreform keinen Zentimeter nähergekommen, selbst eine Streberin wie Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) scheitert regelmäßig daran. Zu eingefahren sind die Fronten, zu mächtig die Lehrergewerkschaft, zu verzopft die ÖVP, zu schwach die SPÖ.



Auch heuer dasselbe Spiel. Die Pisa-Ergebnisse waren noch gar nicht bekannt, da erklärte die ÖVP schon, sie werde ihr geliebtes Gymnasium mit Zähnen und Klauen verteidigen. Woraufhin Kanzler Werner Faymann (SPÖ) eine wilde Drohung gegen den Koalitionspartner ausstieß: Er werde öffentlich Druck für die Gesamtschule entfachen, sagte der Kanzler. Was für ein Machtwort! Da holt Vizekanzler Josef Pröll sicherlich gleich seinen bösen Onkel aus Niederösterreich, damit der ihn beschützt.



Die heimische Bildungsdebatte ist wie ein schlecht gemachtes Remake von Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit Jahren wiederholen Experten mantraartig ihre Bildungsforderungen: eine Gesamtschule für alle Zehn- bis 14-Jährigen, um die gröbsten sozialen Unterschiede auszuglätten. Mehr Ganztagsschulen, speziell für jene Schüler, denen Mama und Papa nicht die Nachhilfe zahlen. Freilich verdienen auch unsere Lehrer mehr Unterstützung (siehe Schwerpunkt Seite 12) und die Direktoren das Recht, ihre Mitarbeiter selbst auszuwählen – und zu feuern.



Nach zehn Jahren Pisa-Test bleiben somit nur zwei Auswege: Entweder die Regierungspartner einigen sich – entgegen allen Erwartungen – doch noch auf eine echte Bildungsreform. Oder wir erklären das Projekt Schule im 21. Jahrhundert endgültig für gescheitert. Ähnlich wie beim Songcontest ersparen wir uns einfach die internationale Blamage und geben von vornherein w.o.



Freilich wäre der Ausstieg aus Pisa erst der Anfang eines neuen Bildungskurses (in Richtung totale Idiotie). Als nächste Konsequenz sollte Ministerin Schmied zurücktreten und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer ihr Nachfolger werden. So könnte sichergestellt werden, dass die Betonierer gute Ideen nicht nur verhindern, sondern dass gute Ideen erst gar nicht aufkommen. Erste Verordnung des frischgebackenen Ministers: Das Wort Pisa wird aus dem Unterricht verbannt, die gleichnamige Stadt aus dem Schulatlas gestrichen.



Der nächste Schritt ist die Provinzialisierung des Schulbetriebs. Alle Lehrer werden zu Landeslehrern. Oder noch besser: Sie werden zu Leibeigenen des jeweiligen Landesfürsten. Vor den Landtagswahlen müssen die Kinder dann nette Gedichte verfassen, um dem amtierenden Landeschef zu huldigen. Gleichzeitig hätten wir damit endgültig jede Chance einer österreichweiten Bildungsreform beseitigt. Es gäbe neun unterschiedliche Schulsysteme, für jedes Bundesland eines. Statt mit Pisa über den Tellerrand zu blicken, können wir dann ins Land einischaun. Da schlägt das Herz des niederösterreichischen Landeschefs Erwin Pröll (ÖVP) gleich viel höher.



Baba, Pisa! Servus, St. Pölten! Bei diesem Gedanken wollen alle ernstzunehmenden Bildungsexperten vermutlich sofort auswandern. Sollen sie ruhig, in Österreich hört ohnehin niemand auf sie. In der großkoalitionären Kompromissschule dürfen künftig ausrangierte Politiker ihre Lebensweisheiten vortragen. Exvizekanzler Hubert Gorbach könnte den Englischunterricht übernehmen (The world in Austria is too small to have a good Bildungssystem), der ehemalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser in Mathematik vorrechnen, wieso das Nulldefizit mit null nichts zu tun hat. Und Erwin Pröll könnte im Deutschunterricht sein Lieblingsbuch diskutieren: Der Schatz im Silbersee. Übrigens das einzige Buch, das Pröll je fertiggelesen hat, wie er einst erklärte.



Der Ausstieg aus Pisa wäre somit keine Kapitulation der Politik, sondern eine Chance für einen neuen Bildungskurs. Sollte sich die Regierung doch nicht dazu durchringen können, bleibt uns zumindest eine Hoffnung. Vielleicht schmeißt uns die OECD hinaus.



Die hat heuer schon vorab bekanntgegeben, dass die österreichischen Ergebnisse nur mit Vorbehalt zu genießen seien. Während der Pisa-Testphase wurde in Österreich wieder einmal von den Lehrern gestreikt, sie wehrten sich gegen zwei Stunden Unterricht mehr pro Woche. Die ÖVP-nahe Schülerunion rief damals zum Boykott der Umfrage auf. Diese negative Atmosphäre hat womöglich die Ergebnisse negativ beeinflusst, heißt es. Sehr gut! Wenn wir so weitermachen, disqualifiziert uns die OECD ganz von allein. Dann müssen wir wenigstens nicht mehr darüber diskutieren, ob wir Halbgebildeten überhaupt noch zu retten sind.





Dieser Kommentar wurde in Falter 49/10 veröffentlicht. Illustration: Jochen Schievink


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