Warum Hass-Postings so gefährlich sind

Gehört die Anonymität im Netz abgeschafft? Nein, zuerst müssen Onlinemedien Verantwortung übernehmen

 

Ist die Anonymität das größte Problem des Internets? Mit einem Kommentar im Standard trat die Schriftstellerin Julya Rabinowich eine Debatte los (ich habe zu diesem Thema auch ein Buch geschrieben). Sie schilderte ihre eigenen Erfahrungen als anonyme Posterin. Rabinowich, eine kluge, eloquente und politisch engagierte Frau, hatte im Onlineforum der Tageszeitung tausende Kommentare unter dem Pseudonym “Jura Säufer” geschrieben. Nun gab sie öffentlich zu, dass auch sie die anonyme Kommunikation zur Entgleisung brachte und damals Dinge postete, die sie heute bereut.

Ihr Kommentar belegt, dass auch normale Menschen online oft aggressiver werden und in vielen Foren so viel Hass herrscht, dass die vernünftigen Stimmen gar nicht mehr gehört werden oder irgendwann selbst unvernünftig werden. “Hass ist ansteckend”, stellt Rabinowich fest und fordert ein härteres Vorgehen, “zum Beispiel die Nennung des Echtnamens oder eine aktive Forenmoderation, wie das bei anderen Qualitätsblättern durchaus üblich ist.”

Berechtigte Kritik. Einst träumten die Webpioniere, dass das Netz ein Tool der Aufklärung sein würde, dass Menschen damit besser und einfühlsamer miteinander diskutieren könnten. Welch ein Irrtum! Vielmehr erleben wir online eine Kultur der Engstirnigkeit und Bösartigkeit. Dieser Hass verseucht das gesamte Klima.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass gehässige Onlinekommentare der öffentlichen Debatte schaden. Forscher der University of Wisconsin haben neulich das Verhalten von mehr als 1100 Internetusern beobachtet und herausgefunden, dass aggressive Postings auch die Artikel beschmutzen. Die Leser bewerten das Gelesene negativer, egal, was wirklich im Text steht. Wir Journalisten und Journalistinnen schaden uns also selbst, wenn wir hasserfüllte Postings zulassen.

Rabinowich ist nicht die Einzige, die eine Abkehr von der Anonymität einfordert. Aber löst das die Probleme?

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Nein. Ein Staat hat das bereits ausprobiert. Südkorea führte die Realnamenpflicht ein. Wer sich auf einer großen Webseite registrieren wollte, musste zuerst seine richtigen Daten angeben. Verifiziert wurde das mittels der sogenannten koreanischen Einwohnernummer, die unserer Sozialversicherungsnummer ähnelt. Zwar durfte man auf vielen Webseiten weiterhin unter einem Pseudonym posten, aber bei Beschwerden war die Person sofort ausforschbar.

Das änderte nichts an der Aggression im Netz, weiterhin wurde online gelästert. Eine Studie des Ökonomen Daegon Cho belegt, wie ineffizient das Gesetz war. Zwar ging die Zahl der Schimpfworte teilweise zurück, die User nutzten dafür aber andere, kreativere Beleidigungen. Zum Beispiel bezeichneten sie Politiker nicht mehr als “Deppen”, sondern verballhornten ihre Namen, wandelten diese ab, damit sie wie eine Beleidigung klangen.

Es kam noch schlimmer: Schließlich klauten Hacker die privaten Daten von 35 Millionen Südkoreanern, also 70 Prozent der Bevölkerung. Ein riesiger Schwarzmarkt mit fremden Identitäten entstand. Der Regierung blieb nichts anderes übrig, als das Gesetz aufzuheben. Der Verfassungsgerichtshof ordnete dies an, da er die Realnamenpflicht für wirkungslos und verfassungswidrig hielt.

Die Namenlosigkeit ist nur einer von mehreren Faktoren, warum Menschen online enthemmter sind. Generell herrscht in vielen Foren ein Gefühl der Konsequenzlosigkeit, das User zur Entgleisung bringt. Doch es gibt eine simple Lösung.

Wir müssen online sozialen Druck aufbauen, genauso wie er auch offline existiert. Außerhalb des Internets brüllt man nicht einfach herum oder droht anderen Leuten. Ein derartiges Verhalten würde für schwerwiegende Konsequenzen sorgen – so würde man etwa aus einer Gruppe ausgeschlossen oder von niemandem mehr ernstgenommen werden. Webseiten brauchen ähnliche Schutzmechanismen, die konstruktives Verhalten belohnen und Störenfriede ächten.

 

Derartige Modelle existieren bereits. Ein bekanntes Beispiel ist Wikipedia, bei der Enzyklopädie kontrollieren sich die anonymen User gegenseitig. Auch Medien können von ihren Lesern mehr Selbstbeherrschung fordern. Spannend ist das US-Blog Gawker. Wer mitposten will, muss zuerst beweisen, dass er kein Querulant ist. Alle Kommentare von Neulingen werden geprüft. Wer sich als vertrauenswürdiges Mitglied erwiesen hat, dessen Postings sind sofort sichtbar. Gawker fördert mit etlichen Tricks den guten Umgangston, etwa indem User zu Minimoderatoren werden. Antwortet jemand auf das Posting eines Lesers, so entscheidet dieser selbst, ob die Antwort für alle sichtbar wird. Das führt dazu, dass User auf ihre Wortwahl achten. Wer nur herumpöbelt, wird niemals freigeschaltet.

Nicht die Anonymität ist das Problem, sondern dass Onlinemedien zu wenig Verantwortung übernehmen. Sie wollen möglichst viele Kommentare und Klicks haben, weil das die Werbeeinnahmen in die Höhe treibt. Im Namen der Meinungsfreiheit verteidigen sie sogar hasserfüllte Postings und schauen tatenlos zu, wie in ihrem eigenen Forum Unschuldige niedergemacht werden. Langfristig schaden sie sich und der Branche selbst. Denn so wird jeder Text und jede Thematik schlechtgeredet.

Das ist sowohl eine Gefahr für den Journalismus als auch für die Demokratie. In Zeiten, in denen gesellschaftliche Themen zunehmend online ausverhandelt werden, können wir es uns gar nicht leisten, das Feld den Rüpeln und Demagogen zu überlassen.

 

Anonymität im Internet: Wer mehr dazu wissen will, hier mein Buch zu dem Thema

Der Text erschien im Falter 30/2013. Die wunderbaren Illustrationen stammen von Flickr-User ssoosay, siehe hier und hier

Kommentare

  1. Ich würde die Hasspostings nur dann zensurieren, wenn Aufforderungen zur Gewalt gegen andere oder geheimes Material für den Bau von Atomwaffen oder Kinderpornographie darinnen enthalten ist.

    Es gibt Leute, die möchten was vermitteln oder haben eine These zu einem Sachverhalt, der jetzt schlecht rennt und wollen Möglichkeiten aufzeigen, wie es besser gehen könnte.
    Dieser Sachverhalt stellt aber gewisse regierenden Parteien vor ein Problem.

    Die Hasspostings nehmen im Netz zu, weil die Leute auf Verämderung zum Positiven hoffen und versuchen etwas dazu beizutragen und dann permanent entäuscht werden.

    Anstatt kommunikativ nach Lösungen zu suchen, wie “hey suchen wir gemeinsam eine Lösung” => wird in vielen Foren nur mit NLP oder Drüberfahren Meinungen discrambeld!

    Wenn wissenschaftliche These durch Inquisition anstatt durch den Gegenbeweis falsifiziert wird => Mittelalter

    Die Anonymität im Netz, Tor und die Wächter sichern, dass keine Schriften digital zerstört und verbrannt werden, weil eine Idee kann man nicht zerstören.

  2. Pingback: Hasserfüllte Poster und ahnungslose Journalisten? Eine Replik » Brodnigs Blog

  3. Schwierig.
    Ich seh, dass es problematisch ist, wenn es Kommentarbereiche gibt und die werden nur mit unnützen Texten gefüllt. Aber ich finde die Möglichkeit der Anonymität von Webseitenbesuchen ist wichtiger als die Diskussionbereiche.

    1. Author

      Das ist in der Tat eine schwierige Abwägungsfrage. Es gäbe jedoch etliche Maßnahmen, die Onlineforenbetreiber setzen könnten, um generell das Klima zu verbessern – auch ohne die Anonymität aufzuheben. Da ließe sich noch viel, viel mehr machen.

  4. R. hat seit 2002 unter mehreren, z.T. parallel geführten Nicks (zb. “A.B. Artig”, “Xulu Hulu” etc.) ihr Unwesen getrieben.
    Sie hat sich darauf spezialisiert Mitposter mit anderen Meinungen als Nazis zu denunzieren; hinter jedem unangenehmem Posting einen “Blaunen”, mindestens, zu erschnüffeln und entsprechend zu beleidigen. Natürlich auch fleissig zu “melden”, auf dass der Gegner es möglichst schwer hat, angesichts der Fülle an Denunzierungen vielleicht sogar gesperrt wird.

    Sollte die Redaktion nicht von sich aus gewusst haben wer sich hinter den R.-Nicks verbirgt, so wurde sie schon vor Jahren von aufmerksamen Postern (die gelegentliche Hinweise auf Persönliches in den Beiträgen der R. logisch verknüpften) darauf aufmerksam gemacht, hat R. aber – die dann und wann Beiträge auf derstandard veröffentlichen durfte – einfach machen lassen. Ihr “Engagement” passt schliesslich zur Blattlinie.

    Passen in Postings zum Ausdruck gebrachte Meinungen allerdings dauerhaft *nicht* zur Blattlinie – ist der Poster also “unbelehrbar” und widersetzt er sich politisch korrekter Erziehung by (Meinungs-)Zensur – dann wird dem die allgemeine Netiquette selbstverständlich achtende User auch gerne mal der Account gesperrt.
    Der Art. 19.1. – “Jeder User hat das Recht auf freie Meinungsäusserung” – ist jedenfalls pure Heuchelei.

    Aus dem gleichen Holz wie R. ist auch Misik geschnitzt, der ebenfalls gerne Klarnamen-Poster sähe auf dass die “Schwarmvertrottelung” (Öha – Publikumsbeschimpfung!) ein Ende haben möge. Er selbst leistet sich unfassbare Entgleisungen:
    “geh, das sind doch die immergleichen 20 ausländerhasser, die sich gegenseitig grün geben. …”
    http://derstandard.at/plink/1361240962345?_pid=30385155&#pid30385155

    “Der Misik hat auch schon mal Poster der ‘KZ-Wächter Mentalität’ bezichtigt.”
    http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:nqQmahDyDAEJ:https://derstandard.at/Userprofil/Postings/233095%3FpageNumber%3D150%26sortMode%3D2+&cd=1&hl=de&ct=clnk&gl=at

    Das Motto dieses sich mit politischer Korrektheit tarnenden Heuchlertyps charakterisiert Shakespeare ganz gut: “Ich tu das Üble, schrei dann selbst zuerst. Das Unheil das ich angerichtet, leg ich den anderen dann zur Last”

    1. Das ist pure Verleumdung und demaskiert sich von selbst.
      Peinliche Anwürfe haben hier und auch anderswo übrigens nichts verloren und lenken auch nicht von der Tatsache ab, dass in den Foren Unduldbares stehen bleibt, z.b. Mordaufrufe an Muslimen.
      Und, Richard, zu feig, deine Identität preiszugeben aber verleumden? Igitt.

      1. “Das ist pure Verleumdung”…ja klar ;->
        Selbst Der Standard schreibt ja dass sie aufgrund zahlreicher Problempostings, die natürlich unter verschiedenen Nicknames anonym gemacht wurden, fürs Forum gesperrt wurden.

        Mir ist nur ein Rätsel warum man so einem Community-Troll dann auch noch eine mediale Bühne schenkt.

      2. (Beitrag gelöscht, bitte bleiben Sie sachlich und breiten Sie hier keine persönlichen Animositäten aus. Danke, I.B.)

      3. (Beitrag gelöscht, bitte bleiben Sie sachlich und beleidigen Sie nicht den Diskussionspartner. Danke, I.B.)

  5. Feig? Wie “Jura Säufer” zb.?

    Man wird von der bewährten Methode des anonymen Postens nicht abgehen nur weil manche schwache User mit dieser Freiheit nicht umgehen können, die Konsequenzen dieses persönlichen Versagens aber nur zu gerne “den anderen” aufbürden wollen.

    Auf Ausflüchte wie “Mordaufrufe an Muslimen” will ich weiter nicht eingehen, es sieht ja eh jeder was da los ist…

  6. Pingback: Hasserfüllte Poster und ahnungslose Journalisten? Eine Replik | Der Nachrichtenspiegel

  7. Pingback: Journalismus zwischen online und offline. Ein Gastbeitrag von Daniel Steinlechner

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