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7 Fragen, die ich mir zur Hassposting-Debatte stelle

Einige österreichische Verleger kämpfen gegen die Anonymität im Netz an und planen die eine oder andere Aktion. Was steckt dahinter?

Der Mucha-Verlag will eine Webseite gegen Hasspostings starten. Auf eklat.net sollen “die schlimmsten Entgleisungen in den heimischen Medien” gesammelt werden, schreibt der Extradienst (den auch Christian Mucha herausgibt). Die Seite will eine “bad bank für Hass-Postings” sein und die “Erbärmlichkeit” vieler Einträge zeigen. Mir stellen sich dazu ein paar Fragen – von der aggressiven Wortwahl bis zu ökonomischen Hintergründen.

1.) Warum setzen sich ausgerechnet Christian Mucha, Wolfgang Fellner, Wolfgang Rosam und Boulevard-Medien hier ein – angeblich für eine qualitätsvolle Debatte?

Die Krone, Österreich und Heute haben sich der Initiative der Meinungsmutigen angeschlossen. Nun ist es aber nicht gerade so, als wären diese Blätter der naheliegendste Ort für eine qualitätsvolle Debatte, gerade sie bedienen manch ein Ressentiment und leben von der künstlichen Aufregung. Wie ich neulich im Falter schrieb, könnte man manch einen Kolumnisten fast schon als professionellen Hassposter bezeichnen. (Siehe auch Frage 6 zur Werbewirtschaft)

2.) Wie denkt der Standard darüber? Immerhin wird er von einigen dieser Zeitungen und Herausgebern direkt kritisiert.

Heute schreibt am 15.5.: „Vor allem im ‘Standard’ treffen sich immer mehr Österreicher zur Menschenjagd.“

Wolfgang Fellner schreibt am 15.5.: „An vorderster Front der anonymen Hetze agiert derzeit der Standard, der staatliche Presseförderung kassiert, an den Reichweiten der Hass-Postings Millionen verdient und dessen Herausgeber ausgerechnet Vorsitzender des ‘Presserates’ war. Ö3-Lady Lichtenegger etwa wurde von den Standard-Hass-Postern regelrecht hingerichtet.“

Der Extradienst schreibt am 5.6.: „Die Kabarettlegende Gerhard Bronner pflegte zu sagen: ‘Der Mensch braucht ein Zeitventil’. Bei dem, was sein Sohn im Internet an anonymen Postings zulässt, sollte der alte Herr eigentlich im Grab rotieren.“

3.) Warum behagt mir die Tonalität der Mucha-Seite nicht – liegt es an der aggressiven Wortwahl?

Im Text von Extradienst wird von den “Widerwärtigkeiten im Netz” gesprochen, von “kranken Charakteren, die anonym posten”. Ich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Strategie ist, auf Hass ebenfalls mit Hass zu antworten – wobei ich zustimme, dass online furchtbare Dinge zu finden sind. Aber ist ein so harscher Tonfall wie auf eklat.at wirklich nötig? Man soll dort etwa “den Link einer Erbärmlichkeit” eintragen. Zum Vergleich: Es gibt hatr.org, eine spannende Seite, die ich auch in meinem Buch erwähne. Sie zeigt sexistische und rassistische Hasspostings, wirkt dabei aber sachlicher und weniger verbissen. Auf diese Weise wird sichtbar, mit wie viel Hass viele Blogger konfrontiert sind. Hatr.org ist ein tolles Projekt, das vor allem vor Augen führt, wie traurig diese Hasspostings in Wirklichkeit sind.

4.) Warum hat Eklat.net so eine seltsame Klarnamen-Regelung?

Auf der Webseite heißt es großspurig: “Alle, die hier veröffentlichen, tun dies mit Ihren echten Klarnamen.” Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall, wie der Journalist Jürgen Hofer gestern zeigte. Er meldete sich dort als Christian W. Mucha an und postete auch als dieser.

Bei der Registrierung steht übrigens: “Da sich diese Seite dem Prinzip des Klarnamen-Postings verschrieben hat, behalten wir uns vor Ihre IP Adresse bei Verwendung von falschen Namen oder gefakten E-Mail-Adressen zu speichern und gegebenenfalls an geschädigte Dritte weiterzugeben.”

Klingt scharf, jedoch kann man auch die eigene IP-Adresse maskieren. Das Ganze zeigt, dass ein richtiger Klarnamenzwang gar nicht so einfach einzuführen ist.

5.) Wie ginge es besser, wenn man tatsächlich sachlichere Postings will?

Zumindest darauf habe ich ein paar Antworten (siehe hier, hier und vor allem hier). Die aktuellen Aktionen wirken für mich nicht so, als hätte sich man sich gründlich mit der Thematik befasst. Es ist in meinen Augen eine mögliche Strategie für Onlinemedien, dass sie die Anonymität bei sich abschaffen – aber die Anonymität ist nicht der einzige Grund, warum Menschen online enthemmter und mitunter aggressiver sind. Noch wichtiger ist, dass Zeitungen aktiv moderieren und eine klare Definition haben, was sie von ihrem Forum wollen. Wen interessiert, wie man klare Regeln für die Community vorgibt, dem empfehle ich die Netiquette von Zeit Online, die haben eine extrem gute Community-Redaktion, die auf diese Umgangsformen achtet.

6.) Was hat die Werbewirtschaft mit dem Ganzen zu tun?

Im Extradienst heißt es: “Mittlerweile über hundert Marketing- und Werbechefs haben sich bis dato bereits dazu bekannt, jenen Page-Betreibern und Medienunternehmen, die anonyme Hass-Postings auf ihren Seiten zulassen, keine Werbeaufträge mehr zukommen zu lassen.” Mich wundert dies aus zwei Gründen: Geht es hier manchen Herausgebern in Wahrheit um ganz etwas anderes – um Werbegelder in einer Phase, in der der Werbekuchen zerbröselt? Und wie sehen wir das gesellschaftlich, wenn die Werbung der Hauptanreiz sein soll, sich vermeintlich adäquat zu verhalten?

7.) Wann schafft Wolfgang Fellner die Anonymität auf seiner Seite ab?

Wolfgang Fellner schrieb am 15.5.: “ÖSTERREICH wird als Erster dieser Initiative folgen und ab Juni auf oe24. at nur noch Postings mit echtem Namen bringen.” Ich warte gespannt, wann dies passieren wird.

 

Für Menschen, die Hintergrundinfos oder sachdienliche Hinweise haben, bin ich gerne erreichbar. Hier als Kommentar oder auch (vertraulicher) per Email. Ich danke für jede Nachricht und Antworten! Das obige Bild stammt von Ron Mader

Kommentare

  1. Mir gehts genau gleich und ich bin grad echt froh dass ich da nicht die einzige bin die hier so mitdenkt.

    Für mich ist die Sache jetzt ganz einfach:
    Denen wird der Standard zu stark weil sie selber den Kommentar Hype verpasst haben.
    Es geht nicht gegen Kampfposter! Es geht gegen Kommentarfunktionen und wie gesteuert die doch alle sind.
    Ein Hilfeschrei ein erbärmlicher – von jemanden der die Zeichen der Zeit nicht lesen konnte und nicht kann.

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