Malaise bolognaiseWednesday, March 10. 2010
Bologna ist nicht schuld an der Bildungsmisere. Im Gegenteil: Das große europäische Hochschulprojekt hätte gute Antworten auf sie
![]() Alles begann mit der Unterschrift von Caspar Einem. Der österreichische Sozialdemokrat unterzeichnete als erster europäischer Wissenschaftsminister die Bologna-Erklärung, damals am 19. Juni 1999 in der gleichnamigen Stadt. Von einem „Europa des Wissens“ ist in diesem Dokument die Rede und vom „Aufbau eines europäischen Hochschulraums“, von „Mobilität“ und „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ (Dokument als PDF hier). Mittlerweile haben sich 46 europäische Länder diesem gemeinsamen Ziel verpflichtet – von Österreich bis Portugal, von Norwegen bis zur Türkei. Doch von den hehren Idealen von einst scheint nicht viel geblieben zu sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man die Kommentare mancher deutscher Qualitätszeitungen oder die Brandschriften der Audimax-Besetzer liest. Da wird von einem „wissenschaftsfernen Zwangskorsett“, der „Zerstörung der Universitäten“ oder dem „neoliberalen Umbau der europäischen Hochschullandschaft“ gesprochen. Am Donnerstag und Freitag wird in Wien und Budapest die Ministerkonferenz stattfinden, die Audimaxisten planen einen Gegengipfel, Demonstrationen und Sitzblockaden in den Straßen Wiens. Während die europäischen Wissenschaftsminister in der Hofburg über die nächsten zehn Jahre Bildungsreform nachdenken, erklären die Studierenden draußen „why we hate Bologna“. Sie hassen Bologna zu Unrecht. Der Prozess hat mehr gute als schlechte Seiten. Er ist ein Projekt der europäischen Integration und will einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen, in dem Menschen ohne Hürden in andere Länder studieren gehen und der akademische Austausch nicht an der Landesgrenze endet. Über die neuen Bachelor- und Masterstudien schimpfen viele. Sie lösten das bisherige Diplomstudium und den Abschluss als Magister ab. Doch das ist nur die Architektur, das Gerüst der Reform. Die Idee dahinter ist, dass ein möglichst großer Teil der Gesamtbevölkerung Zugang zu höherer Bildung bekommen soll – auch jene, deren Eltern keine Akademiker sind oder die erst im zweiten Bildungsweg auf die Hochschule finden. Im Mittelpunkt der Uni sollen nicht mehr Professoren oder Vorlesende stehen, sondern der Student und die Studentin. Unterstützung, Beratung und Studienpläne, die Rücksicht auf die Studierenden nehmen, all das sehen die Bologna-Dokumente vor, wenn man unter Begriffen wie „studierendenzentriertes Lernen“ oder „soziale Dimension“ nachliest (z.B. im Leuven-Kommuniqué, PDF hier). Heimische Studenten werden da den Kopf schütteln. Ihre Erfahrungen sind ganz andere: Mit Verweis auf die italienische Stadt wurde ihr Studium gestrafft, ihre Wahlfreiheit und Entfaltungsmöglichkeit wurden eingeschränkt. So hässliche Begriffe wie „Voraussetzungsketten“ oder „Erweiterungscurricula“ verhindern, dass sie selbst die Geschwindigkeit oder den Schwerpunkt ihres Studiums bestimmen. Ihre Wut darüber ist berechtigt, doch sie trifft nicht die Verantwortlichen: Bologna hat mit diesen Fehlentwicklungen nichts zu tun. Das ist das große Missverständnis. Und es erklärt, warum ausgerechnet österreichische und deutsche Studierende in Scharen gegen den neuen europäischen Hochschulraum demonstrieren, nicht aber Dänen oder Spanier. In den deutschsprachigen Ländern diente Bologna den Universitäten als Vorwand, um bei den Massenstudien einen Sparkurs durchzusetzen. Auch die deutsche Politologin Gesine Schwan schrieb unlängst in der Welt: „An den aktuellen Missständen ist weniger Bologna schuld als vor allem die chronische Finanzmisere“. Miese Studienbedingungen wurden der Reform zugeschrieben. Das war nicht zuletzt deswegen möglich, weil der ganze Prozess auf Freiwilligkeit beruht und bei schlechter Umsetzung keine Sanktionen drohen. So haben die Nationalstaaten zuallererst jene Punkte verwirklicht, die ihnen gerade gelegen kamen. Auch ist Bologna in einer Zeit des marktradikalen Denkens entstanden, als Universitäten aufgefordert wurden, ihren Nutzen für die Wirtschaft unter Beweis zu stellen oder in internationalen Wettbewerb zu treten. Schon in der Gründungserklärung steht, dass der Bachelor „eine für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationsebene“ attestieren soll. Diese Facette missfällt selbst manchen Befürwortern. „Der Bildungsgedanke ist in den Hintergrund getreten, und die Anwendbarkeit des Studiums hat eine Gewichtung bekommen, die überschätzt wird“, sagt Erstunterzeichner Caspar Einem heute. Über Schlagworte wie „Employability“, die Beschäftigungsfähigkeit, lässt sich vortrefflich streiten. Aber es wäre zu einfach, den gesamten Prozess auf diesen Aspekt zu reduzieren. Das wäre so, als würde man die gesamte EU nur mit dem „Teuro“ gleichsetzen. Für Holländer oder Briten ist die österreichische Kritik schwer nachvollziehbar, die europäischen Studierenden hassen die Reform nicht: „Bologna will sicherstellen, dass jeder europäische Student die gleichen Chancen hat“, sagt die Rumänin Ligia Deca. Sie sitzt der Europäischen Studentenunion vor und ist somit die höchste europäische Studentenvertreterin. „Wir wollen Bologna nicht abschaffen, sondern es kritisch überwachen.“ Die Reform hätte das Potenzial, europaweit den Studierenden den Rücken zu stärken. Statt Manifeste dagegen zu verfassen, könnten sich die Audimaxisten in ihren Forderungen auf Originaldokumente berufen: Da haben auch österreichische Wissenschaftsminister Ideen wie einer „sozialen Dimension“ oder „studierendenzentriertem Lernen“ zugestimmt. Wartelisten, Knock-out-Prüfungen und unzumutbare Studienpläne widersprechen dem. Die Studentenproteste haben die Symptome der Malaise bolognaise, der angekränkelten Umsetzung von Bologna, verdeutlicht. Alles wieder zurückzudrehen wäre aber Unsinn. Die nächsten zehn Jahre könnten viel mehr dazu dienen, die Reform zur Gänze umzusetzen und die Hochschulen damit studentenfreundlicher zu machen. Im Sinne der „sozialen Dimension“ könnten die Nationalstaaten zum Beispiel mehr Teilzeitstudien, flexiblere Kursangebote für Berufstätige oder gezielte Förderung für Migrantenkinder einführen. Der Nachbesserungsbedarf ist enorm. Selbst die Mobilität der europäischen Studenten stieg innerhalb der ersten Dekade nicht wesentlich, das Auslandssemester ist weiterhin das Privileg einer Minderheit – obwohl die Mobilität doch ein Kernanliegen der Reform war. 1999 bis 2009 war eine Zeit der Umstrukturierung: Der Magister wurde abgeschafft, europaweit wurden ähnliche Systeme und gemeinsame Begriffe eingeführt. Viel mehr als die grobe Kontur eines europäischen Hochschulraums ist aber noch nicht zu erkennen. Die Vision kam nicht im Hörsaal oder den Unigremien an. Das muss sich ändern, wenn Bologna zu einem wirklichen Erfolg werden soll. Dieser Text ist im Falter 10/10 erschienen. Illustration: Jochen Schievink Mein neuer Freund, der ZiegelsteinWednesday, March 10. 2010 Bisher dachte ich, dass Facebook ein Freundschaftsportal sei. Tatsächlich ist es aber auch ein Feindschaftsportal. Es eignet sich hervorragend für Spott, Mobbing und andere Bösartigkeiten. Das habe ich von einem neuen Freund, dem Ziegelstein, gelernt. Auf Facebook hat ein Student die Fangruppe „Kann dieser seelenlose Ziegelstein mehr Freunde haben als H.C. Strache?“ gegründet. Binnen weniger Tage traten 80.000 Menschen bei. Gemeinsam haben wir dem FPÖ-Chef gezeigt: Sogar einen seelenlosen Ziegelstein mögen die Leute lieber. Die Aktion beweist, wie großartig Social Networks sind. Sie bringen Menschen mit gemeinsamen Anliegen zusammen. Man kann der Lieblingsband folgen, andere Leute mit demselben schrägen Hobby finden oder zusammen lästern. Die Idee mit dem Ziegelstein ist übrigens geklaut. Schon vorher gab es die Gruppe „Kann dieses Brezel mehr Fans als Tokio Hotel haben?“ Sehr beruhigend, dass Rechtspopulisten und schlechte Teeniebands im Netz am meisten gedisst werden.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 07/10 veröffentlicht. Bild: Facebook / Der seelenlose Ziegelstein Vor den Augen aller gedemütigt: Google muss dagegen vorgehenThursday, March 4. 2010 Da staunte die Welt: In Italien wurden drei Google-Manager zu einem halben Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Grund ist ein Video, bei dem ein autistischer Junge von Mitschülern gedemütigt wurde. Der Clip war auf Googles Videoportal YouTube zwei Monate lang zu sehen, mehr als 5000-mal wurde es angeklickt, schließlich entfernte Google das Video. Allerdings zu spät, befand das Mailänder Gericht und verhängte eine drakonische Strafe – mit womöglich weitreichenden Folgen.Die große Frage ist, ob Google für sämtliche Videos auf YouTube verantwortlich sein soll. Der Internetriese lehnt das vehement ab. Das Urteil sei eine „ernsthafte Bedrohung für das Web in Italien“, man könne nicht jedes Video vorab überprüfen. Damit hat Google schon Recht. Es wäre falsch, Webseitenbetreiber für alle Inhalte ihrer User haften zu lassen. In diesem Fall würde das Web 2.0 zusammenbrechen. Zum Beispiel müsste jede einzelne Statusnachricht, die Menschen auf Facebook veröffentlichen, zuerst gelesen und genehmigt werden. Auch das EU-Recht hält das für überzogen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Denn Google und andere Internetdienste sind nicht frei von Verantwortung. Wenn ihnen rechtswidrige Inhalte gemeldet werden, müssen sie unverzüglich reagieren, Videos sofort löschen. Da versagen viele Internetfirmen. Sie reagieren oft nur mit Verzögerung, wenn User anstößige Inhalte melden. Meist gibt es keine Hotline, bei der man anrufen und sich beschweren kann. Deswegen ist das Mailänder Urteil ein gutes Signal: Webdienste dürfen hasserfüllte Kommentare nicht ignorieren oder nur halbherzig darauf reagieren. Sie müssen dagegen vorgehen – und zwar pronto. --------------------- Rechtlicher Hintergrund: EU-Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr, Artikel 14 (1) Die Mitgliedstaaten stellen sicher, daß im Fall eines Dienstes der Informationsgesellschaft, der in der Speicherung von durch einen Nutzer eingegebenen Informationen besteht, der Diensteanbieter nicht für die im Auftrag eines Nutzers gespeicherten Informationen verantwortlich ist, sofern folgende Voraussetzungen erfuellt sind: a) Der Anbieter hat keine tatsächliche Kenntnis von der rechtswidrigen Tätigkeit oder Information, und, in bezug auf Schadenersatzansprüche, ist er sich auch keiner Tatsachen oder Umstände bewußt, aus denen die rechtswidrige Tätigkeit oder Information offensichtlich wird, oder b) der Anbieter wird, sobald er diese Kenntnis oder dieses Bewußtsein erlangt, unverzüglich tätig, um die Information zu entfernen oder den Zugang zu ihr zu sperren. Dieser Kommentar ist im Falter 09/10 erschienen. Bild: Flickr-User psd „Wir brauchen Leistungsdruck“Tuesday, March 2. 2010 ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl über die Generation Praktikum, ihren Ruf als Liberale und den kleinen Unterschied zwischen Männern und FrauenBeatrix Karl gilt als Liberale, kommt selbst von der Uni und wird nächste Woche wieder mitten im Rampenlicht stehen. Am 11. und 12. März findet in Wien und Budapest der große Bologna-Gipfel statt. Die ÖVP-Wissenschaftsministerin weiß aber nur zu gut, dass viele Studenten zu Recht wütend sind. Sie spricht über die Verfehlungen bei Bologna und die unfairen Anforderungen an Jungakademiker. Falter: Frau Ministerin, mussten Sie jemals bei einer Vorlesung am Boden sitzen oder vor der Tür draußen stehen? Beatrix Karl: Ich habe Rechtswissenschaften in Graz studiert, das war schon damals ein Massenstudium. Dass ich jemals vor der Türe war, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber die vollen Hörsäle kenne ich sehr wohl. Immer mehr Studenten haben weniger Geld und müssen nebenher arbeiten. Wie sehen Sie diesen Leistungsdruck? Karl: Wir brauchen einen gewissen Leistungsdruck. Unsere Absolventinnen und Absolventen sollen ja hochqualifiziert sein. Mit Sicherheit hat aber der Druck aus der Arbeitswelt zugenommen, Stichwort Generation Praktikum. Früher war es egal, wie lange man studiert hat. Bei den heutigen Jobausschreibungen ist am besten, man wurde in Mindestzeit fertig, hat fünf Sprachen gelernt und einige Auslandsaufenthalte vorzuweisen. In der Praxis geht das aber nicht. Die Uni macht es ihren Studierenden nicht leicht, im Eiltempo zu studieren. Karl: In den Massenstudien ist es tatsächlich schwierig. Zum Beispiel, wenn es Wartelisten gibt oder man in Seminare nicht mehr hineinkommt. Zugleich haben wir aber viele Studienrichtungen ohne überfüllte Hörsäle. Deswegen wollen Sie eine Studienplatzbewirtschaftung: Die Zahl der Studienplätze soll festgeschrieben werden, und pro Studienplatz gibt es eine fixe Summe für die Uni. Karl: Da geht es um die Frage, wie wir künftig die Universitäten finanzieren sollen. An den Fachhochschulen haben wir mit der Studienplatzfinanzierung sehr gute Erfahrungen gemacht, derzeit diskutieren wir das im Rahmen des Hochschuldialogs. Die Wirtschaftsuniversität hat etwa 24.000 Studierende. Könnte beim Hochschuldialog herauskommen, dass es nur mehr 15.000 sein sollen? Karl: Das wäre jetzt zu weit vor-gegriffen. Aber Studienplatzbewirtschaftung heißt für Sie auch weniger Studierende in manchen Fächern? Karl: Darauf kann es hinauslaufen. Ist es nicht falsch, irgendein Fach zu begrenzen? Immerhin hat Österreich nur eine Akademikerquote von 18 Prozent, weit unter dem OECD-Schnitt. Karl: Mein klares Ziel ist es, die Akademikerquote zu erhöhen. Aber: Mehr Studierende führen nicht zwangsläufig zu mehr Akademikern. Gerade in den Massenstudien haben wir viele Drop-outs. Vergleichen Sie etwa das Medizinstudium einst und heute: Vor den Aufnahmeprüfungen hörten rund 50 Prozent auf, heute sind es nur mehr fünf Prozent. Wie wollen Sie mehr Akademiker bekommen? Karl: Indem wir die Drop-out-Quoten senken. Da müssen wir bereits bei der Studienwahlentscheidung ansetzen. Viele denken zu wenig darüber nach, was sie studieren sollen, werden zu wenig in der Schule damit konfrontiert. Es kann nicht sein, dass 60 Prozent der Studienanfänger in bloß zehn Prozent der Fächer gehen. Wie es in diesen Fächern dann aussieht, können Sie sich vorstellen. Nicht jeder will Atomphysiker werden. Karl: Wir wollen auch nicht alle zu Atomphysikern machen. Aber Sie sprechen etwas Wichtiges an: Man muss die Neugierde für Naturwissenschaften schon früh bei den Kindern wecken. Die Studierenden klagen über zu wenig Wahlfreiheit im Studium. So wurden etwa die freien Wahlfächer abgebaut. Widerspricht das nicht dem Geist der Universität? Karl: Mit dieser Beschränkung bin ich auch nicht einverstanden, die Studierenden sollen Wahlmöglichkeiten haben. Ich werde mit den Verantwortlichen sprechen. Die Studienpläne werden ja von den Universitäten erstellt. Als Ministerin können Sie nicht nur Gespräche führen, sondern das auch gesetzlich vorschreiben. Karl: Die Universitäten sind autonom, eine gesetzliche Änderung strebe ich derzeit nicht an. Zuerst will ich mit den Verantwortlichen nach Lösungen suchen. Bald findet der Bologna-Gipfel statt. Es hagelt Kritik an Bologna. War die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums ein Fehler? Karl: Die Bologna-Idee ist sehr gut. Die Mobilität der Studierenden soll gefördert werden, sie sollen dadurch bessere Chancen bekommen. Auf nationaler Ebene sind aber eine Reihe von Umsetzungsfehlern passiert. Nun geht es um die Weiterentwicklung. Was lief falsch? Karl: Teilweise wurde in die Bachelorstudien zu viel Inhalt hineingepfercht. Man kann nicht acht Semester Diplomstudium in sechs Semester Bakkalaureat hineinpressen. Auch wurden Wahlfächer gestrichen, das ist nicht kreativ. Würden Sie jungen Menschen raten, nur bis zum Bachelor zu studieren? Viele glauben, dass sie dann schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben. Karl: Das erinnert mich an die Umstellung im Jusstudium. Früher erhielten Juristen sofort das Doktorat – ohne Dissertation. Dann wurde der Magister eingeführt, es gab helle Aufregung. Die Rechtsanwaltskammer meinte: Ein Magister kann nicht Rechtsanwalt sein. Mittlerweile ist das aber ganz normal, und so wird das auch beim Bachelor sein. Dieser akademische Abschluss wird in der Arbeitswelt anerkannt werden. Noch ist es aber nicht so. Verstehen Sie die Skepsis vieler Studenten? Karl: Ja. Auch weil der Bachelor im öffentlichen Dienst noch nicht voll anerkannt ist. Mein Vorgänger wollte das ändern. Hier sehe ich auch die zuständige Beamtenministerin Heinisch-Hosek (von der SPÖ, Anm.) gefordert. ![]() Nun sind Sie seit fünf Jahren in der Politik. Sie liefen nicht durch die Kaderschmieden wie die Junge Volkspartei. Wie wurden Sie politisch sozialisiert? Karl: Mein Großvater und mein Vater waren Bürgermeister, da bekommt man politisches Denken hautnah mit. Mich hat die Politik aber nicht so fasziniert, dass ich selbst aktiv geworden wäre. Zuerst war mir mein beruflicher Werdegang wichtig: Studium, Dissertation, Habilitation. Dann interessierte ich mich immer mehr für Sozialpolitik. Als Arbeits- und Sozialrechtlerin kann man Recht und Politik nicht immer zur Gänze trennen. Sie reden gerne über Frauenförderung an den Universitäten. Karl: Wir haben Gott sei Dank sehr viele weibliche Studierende. Aber für Frauen wird die Luft immer dünner, je höher es nach oben geht. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Wissenschaft ist kein Job, bei dem ich zwischen acht und 16 Uhr forsche und dann den Bleistift fallen lasse. Deswegen wären Kinderbetreuungseinrichtungen mit flexiblen Öffnungszeiten an allen Universitäten wichtig. Und die anderen Gründe, warum so wenig Frauen forschen? Karl: Das sind oft kleine Unterschiede. An einem Institut mit weiblichen und männlichen Assistenten bleibt das Administrative meist bei den Frauen hängen. Männer widmen sich mehr der Forschung, schaufeln sich frei. Das ist wichtig: Man muss dranbleiben und sich einem Forschungsprojekt über einen Zeitraum fast ausschließlich widmen können. Was halten Sie von einer Quote? Karl: Wir haben im Universitätsgesetz bereits eine 40-Prozent-Frauenquote. Allerdings nur für die Uni-Gremien, wo wieder administrative Aufgaben für Frauen anfallen. Was halten Sie von einer Quote bei den Professoren? Karl: Ich bin keine große Quotenanhängerin, und Quoten allein sind zu wenig. Derzeit bin ich noch dabei, mir einen Überblick über mögliche Maßnahmen zu verschaffen. Im Ministerium haben wir auch Förderprogramme dafür. Sie gelten als Liberale. Wie liberal sind Sie wirklich? Karl: Diese Frage kann ich so allgemein kaum beantworten. Beispiel Adoptionsrecht für Homosexuelle. Sind Sie dafür? Karl: Nein. Ich finde die eingetragene Partnerschaft gut, aber ein Adoptionsrecht geht zu weit. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür. Sehen Sie sich überhaupt als Liberale? Karl: Eher schon. Sie hören sich mehr wie eine Pragmatikerin als eine Ideologin an. Karl: Ja, ich habe keine politische Vergangenheit, sondern bin eine Quereinsteigerin. Daher würde ich mich eher als Sachpolitikerin bezeichnen, weniger als Ideologin. Was haben Sie in fünf Jahren Politik gelernt? Karl: Dass Politik anders funktioniert als Wissenschaft. Von der Wissenschaft bin ich gewohnt, mich in Themen einzuarbeiten. Die Politik ist schnelllebiger. Wenn Journalisten anrufen, kann ich nicht sagen: „Ich muss mich jetzt einlesen, fragen Sie mich in drei Tagen wieder.“ Da wird nicht gewartet. Derzeit warten die Studierenden, was beim Hochschuldialog herauskommt. Können Sie ihnen garantieren, dass sich etwas ändern wird? Karl: Ich erwarte mir beim Hochschuldialog Empfehlungen, und die werden dann auch politisch relevant sein. Aber geben Sie eine Garantie? Karl: Garantie, Garantie. Ich kann nicht garantieren, welche Maßnahmen kommen, ich habe auch einen Koalitionspartner. In einigen Punkten bin ich aber mit den Studierenden auf Linie, etwa bei der Umsetzung von Bologna. Und dann gibt es Themen, wo wir unterschiedlicher Meinungen sind. Aber ich denke, das ist normal so. Dieses Interview ist im Falter 09/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn Mit der Nase fast am SchneeFriday, February 26. 2010
Gold für die heimischen Snowboarder? In Vancouver könnte es jetzt klappen
![]() "Die Anspannung steigt von Tag zu Tag“, sagt Benjamin Karl. Derzeit trainiert der 24-Jährige im kanadischen Winterresort Sun Peaks, sechs Autostunden von Vancouver entfernt. Kommenden Samstag wird er das wichtigste Rennen seiner bisherigen Karriere fahren: Den Parallel-Riesentorlauf bei den Olympischen Spielen. Der Niederösterreicher ist einer der Favoriten, er kommt als Weltcupführender und als Weltmeister im Parallelslalom auf den Whistler Mountain. „Mein Ziel ist auf jeden Fall eine Medaille“, sagt Karl, „am liebsten die goldene.“ Wer in Vancouver teilnimmt, muss so etwas sagen. Trotzdem: Eine Goldmedaille ist überfällig. Das österreichische Team dominiert die alpinen Snowboard-Wettbewerbe. Neben Karl stehen erfolgreiche Routiniers wie Andreas Prommegger, Doris Günther oder Sigi Grabner auf dem Brett, Letzterer gewann vor vier Jahren in Turin die olympische Bronze. Der erste Stockerlplatz wäre nicht nur eine große Errungenschaft für den einzelnen Athleten: Eine solche Auszeichnung würde auch der gesamten Disziplin helfen. Raceboarder sind zu Exoten geworden. Nur noch selten sieht man auf den Pisten ihre stark taillierten Boards, nur noch wenige Boarder tragen Hardboots statt Softboots. Ihre Disziplin droht zu einem Randsport wie Skispringen zu werden: Da gibt es zwar tolle Athleten, die wenigsten Hobbysportler hüpfen aber jemals eine Skisprungschanze hinunter. Seit 14 Jahren steht Benjamin Karl auf seinem Brett. „Es kostet sehr viel Übung, diesen Sport zu können“, sagt er. Den Raceboardern geht es nicht darum, große Sprünge oder ausgefallene Stunts zu machen. Hier kommt es auf Geschwindigkeit und aufs perfekte Kantenfahren an. ![]() Benjamin Karl Für die Zuseher ist der Parallel-Riesentorlauf auch deshalb spannend, weil es ein Wettkampf Mann gegen Mann – oder eben Frau gegen Frau – ist. Auf der einen Seite stehen rote, auf der anderen blaue Stangen. Zeitgleich starten zwei Athleten. Wer zuerst unten ankommt, hat gewonnen. So die vereinfachte Erklärung. Es ist ein unberechtigtes Klischee, dass Snowboarder immer nur im Schnee hocken und die Spaßtruppe bei Olympia sind. Seit 2002 ist der Parallel-Riesentorlauf eine olympische Disziplin, die Snowboarder selbst sind Profisportler, die über das ganze Jahr hinweg trainieren: Im Winter am Hang, im Sommer in der Kraftkammer. Im Vergleich zum Skikader sind der Betreuerstab und die Ressourcen für Boarder aber klein. Für acht Olympiateilnehmer gibt es vier Betreuer: zwei Trainer, einen Physiotherapeuten und einen Servicemann. Karl kann von seinem Sport sehr gut leben. Wäre er allerdings als Skifahrer so erfolgreich, würde sein Gesicht Tiefkühlkost anpreisen und Titelseiten von Massenblättern schmücken. Als Snowboarder ist es schwierig, über die Runden zu kommen oder Sponsoren zu finden. Besonders für den Nachwuchs ist das ein Problem. „3500 bis 5000 Euro kostet das Material pro Jahr. Die breite Masse muss sich das selbst kaufen“, sagt Tom Weninger, Snowboardtrainer im Europacup, bei dem viele Jungtalente starten. Nun ist Vancouver eine Chance. „Eine Medaille wäre wichtig für die Positionierung innerhalb des ÖSV“, sagt auch Snowboard-Chefkoordinator Christian Galler. Abseits des Skizirkus werden andere Disziplinen in der Regel kaum wahrgenommen. Die geringe Wertschätzung zeigt sich bereits darin, dass der ÖSV noch immer die Abkürzung für „Österreichischer Skiverband“ ist. Von Snowboard keine Rede. Athleten wie Benjamin Karl geht es auch darum, wieder Begeisterung für ihren Sport zu wecken. „Ein einzelner Mann ist dafür aber viel zu wenig. Wenn eine Mannschaft insgesamt stark ist, bekommt sie Aufmerksamkeit“, meint er. Am liebsten hätte der Rennläufer nicht nur eine einzige Medaille für sich selbst, sondern drei für das ganze Team. Das würde sicherlich für einigen Rummel sorgen, nicht nur in Vancouver. Fernsehübertragung Der Parallel-Riesentorlauf der Damen beginnt am Freitag, 26. Februar, um 19 Uhr. Jener der Herren läuft tags darauf zur selben Zeit. Der ORF überträgt das Finale Diese Sport-Geschichte ist im Falter 08/10 erschienen. Fotos: www.GEPA-pictures.com Ich schnüffle auch durch fremde DatenFriday, February 19. 2010 Ich muss zugeben, dass ich eine Facebook-Stalkerin bin. Auf dem Freundschaftsportal habe ich schon hunderte private Fotos von fremden und halbfremden Menschen durchgeschaut. Zum Beispiel weiß ich jetzt, dass eine ehemalige Studienkollegin Capoeira-Unterricht nimmt und einen äußerst knackigen Trainer hat. Auch habe ich sämtliche Fotos vom Junggesellinnenabend einer Bekannten durchgeklickt. Der halbnackte Stripper und der Gesichtsausdruck der Braut sind mir dabei nicht entgangen. Keine Ahnung, warum erwachsene Menschen solche Bilder hochladen und allen zugänglich machen. Vielleicht kennen sie sich nicht aus oder denken: „Das werden eh nur Freunde anklicken.“ Falsch gedacht! Ich schnüffle auch durch Alben, die mich absolut nichts angehen. Deswegen folgender Tipp an alle Fotojunkies: Nehmt euch doch fünf Minuten Zeit und überarbeitet eure Privatsphäre-Einstellungen. Auch ich schütze meine Bilder vor fremden Blicken. Ich will doch nicht gestalkt werden.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Das Foto zeigt eine Postkarte aus meinem Büro Der Aufstand der ElternWednesday, February 17. 2010
Drei von vier Wienern fordern eine Ganztagsschule. Konservative Bildungspolitiker kommen in Bedrängnis
![]() 78 Prozent sagten also Ja. Sie stimmten für die Einführung einer flächendeckenden Ganztagsschule, so das Zwischenergebnis vom Dienstag. Über die Bedeutung der Volksbefragung wird derzeit heftig gestritten, bisher sind 276.834 Stimmen gezählt, nach dem derzeitigen Stand hat rund ein Viertel der Wahlberechtigten mitgestimmt. Eines ist aber offensichtlich: Es gibt den großen gesellschaftlichen Wunsch, dass die Schule auch am Nachmittag für ihre Kinder da ist. Erziehung, Förderung, Herzensbildung. Das sind zunehmend Aufgaben, die auch die Schule übernehmen muss. In Wien gibt es besonders viele Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten. Der Ruf nach mehr Nachmittagsbetreuung ist in der Hauptstadt besonders laut: 71 Prozent der Wiener Eltern würden ein ganztägiges Schulangebot für ihre Kinder nutzen, weitere elf Prozent tun das schon jetzt, ergab erst kürzlich die Elternbefragung des Ministeriums (Studie als PDF hier). Somit äußern acht von zehn Eltern den Wunsch, dass ihr Nachwuchs nachmittags von der Schule betreut und gefördert wird. Die Sozialdemokraten erkennen das Thema. Die Ganztagsschule ist die logische Antwort auf den veränderten Berufsalltag, sie kommt vielen Jungfamilien entgegen, die mühevoll ein Nachmittagsprogramm für ihren Nachwuchs organisieren müssen und oft nicht mit der Qualität der Betreuung zufrieden sind: So kann es auch passieren, dass die Kinder ihre Nachmittage nur in dunklen Räumen ohne Bewegungsfreiheit verbringen oder gar keine richtige Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Das ist aber nicht einmal das wichtigste Argument für die Ganztagsschule. „Sie beseitigt auch wesentliche soziale Unterschiede“, sagt etwa Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Eine Schule, die die Kinder nicht um zwölf Uhr nachhause schickt, muss mehr Verantwortung für die Sprösslinge übernehmen. Jene Kinder, die derzeit keine Nachhilfe gezahlt bekommen, die nachmittags nicht in den Schwimmkurs oder Klavierunterricht geschickt werden oder die außerhalb der Schule vielleicht selten Deutsch sprechen, profitieren am meisten von ihr. Deswegen empfiehlt die OECD schon jetzt, dass Österreich die Ganztagsschule ausbaut. Das würde speziell Migrantenkindern helfen. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an. In der Stadt werden derzeit 23 Volksschulen und vier Hauptschulen ganztägig geführt, gerade in den Innenstadtbezirken gibt es nur wenige Standorte. Die SPÖ verspricht auf den Stimmzetteln nun ein flächendeckendes Angebot, die ÖVP warnt vor einer „Zwangstagsschule“, in der künftig alle Kinder landen. Doch das ist eine unberechtigte Sorge: Richtige Ganztagsschulen lassen sich nicht über Nacht errichten. Es braucht dafür zum Beispiel auch andere Schulgebäude, in denen Kinder nicht nur pauken, sondern frei herumlaufen, musizieren oder sich ausruhen können.Eine „verschränkte Ganztagsschule“ will die SPÖ, bei der sich Unterricht, Freizeit und Förderprogramme abwechseln. Anwesenheitspflicht herrscht dort von acht bis 16 Uhr, bis 17.30 Uhr gibt es zusätzlich ein freiwilliges Betreuungsangebot. Die Abwechslung von Lern- und Ruhephasen entspricht der Art, wie Kinder lernen: Statt am Vormittag den geballten Stoff in ihre Köpfe hineinzupressen, sind in der Ganztagsschule Lern- und Ruhephasen auf Vormittag und Nachmittag verteilt. In fünf bis sieben Jahren soll es in jedem Bezirk eine solche Ganztagsschule geben, ausgenommen AHS. Für die Gymnasien ist der Bund und nicht das Land zuständig. Es mag zaghaft wirken, dass die SPÖ nur in kleinen Schritten das Angebot ausbaut. Doch das ist die vorsichtige Strategie der Genossen. Die wollen nach und nach der Bevölkerung schmackhaft machen, dass Schulen nicht schon mittags zusperren. Ideologisch wünscht sich die SPÖ dieses Modell natürlich langfristig. „Im internationalen Vergleich sind jene Länder besonders erfolgreich, die die Gesamtschule als Regelschule haben“, sagt etwa Stadtrat Oxonitsch, der sich aber davor hütet, von „Verpflichtung“ oder gar „Zwang“ zu sprechen. Die 78 Prozent Zustimmung geben der SPÖ nun Rückendeckung bei der Auseinandersetzung mit konservativen Bildungspolitikern und Lehrergewerkschaftern, die auf freiwillige Nachmittagsbetreuung pochen und damit den flächendeckenden Ausbau erschweren. Das Ergebnis zeigt auch, dass sich die Gesellschaft verändert hat und viele Menschen dazu stehen. Mit ihrem Ja haben sie nicht nur für bessere Betreuung am Nachmittag gestimmt, sondern auch signalisiert, dass der staatliche Bildungsauftrag nicht um zwölf Uhr Mittag enden kann und danach die Eltern alleine verantwortlich sind, welche Chancen ihre Kinder im Leben bekommen. VOLKSBEFRAGUNG Laut Zwischenergebnis vom Dienstag nahmen 26 Prozent der Wahlberechtigten an der Volksbefragung teil, einige Briefwahlstimmen werden aber noch ausgezählt. Eine klare Mehrheit sprach sich für Hundeführerschein, Hausmeister und Ganztagsschule aus, ein knappes Ja zeichnet sich für die Nacht-U-Bahn ab. Das Endergebnis mit allen Briefwahlstimmen wird für den 24. Februar erwartet Dieser Artikel ist im Falter 07/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn und Wienwillswissen.at Das kaputte GeschäftThursday, February 11. 2010
Alles runterladen und nichts zahlen: wie aus knausrigen Internetusern wieder profitable Musikkunden werden könnten
![]() Ist das die Zukunft des Musikhörens? Fast alle Musik der Welt steht auf Knopfdruck zur Verfügung, vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker über die aktuelle Platte von Robbie Williams bis hin zu Ernst Moldens Bubenliedern. Aber nicht erst nach Bezahlung wie beim Download-Shop iTunes und auch nicht in mieser Klangqualität wie beim Gratis-Videoportal YouTube. Das momentan spannendste kommerzielle Musikangebot im Internet schlägt einen anderen Weg vor. Bei Spotify wird Musik nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern in passabler Qualität übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde auf mehr als sieben Millionen Titel zugreifen. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf. Oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, kann dann aber auch offline und per Handy Musik hören. Spotify ist ein großer Hoffnungsträger der Musikindustrie. Illegale Downloads, die grassierende Gratismentalität der User und der schleichende Tod des Tonträgers setzen den Labels seit zehn Jahren heftig zu. Selbst Urheberrechtsverschärfungen und gerichtliche Klagen gegen Internetpiraten konnten bislang nichts an den Einbrüchen auf dem Tonträgermarkt ändern. In Österreich etwa wurden vor zehn Jahren mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet. 2008 waren es nur noch 185 Millionen Euro – und diese Summe beinhaltet sogar die Einkünfte aus MP3s und anderen Onlineangeboten. Nun suchen alle nach neuen Einnahmequellen. ![]() IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch nennt Spotify eine "Erfolgsstory" Zwei sehr konträre Lösungsmodelle werden oft vorgeschlagen: zum einen die sogenannte Musikflatrate, eine staatlich verordnete Abgabe für alle Internetuser; zum anderen das Musik-Abo von kommerziellen Diensten wie Spotify, bei dem sich User ein Programm auf den Rechner laden und auf Millionen Titel zugreifen können. Der Onlinedienst Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Großbritannien, Spanien und Frankreich gibt es das Angebot bereits. Und hierzulande? „Österreich liegt auf der Roadmap“, sagt Alexander Shapiro, ein Berater des Unternehmens. Gespräche mit österreichischen Firmen habe es schon gegeben, ein geeigneter Partner sei aber nicht gefunden worden. Verlockend für den Konsumenten, verwirrend für die Künstler. Spotify ist das Liebkind der großen Labels, sie besitzen Anteile an der Firma. Es wird kritisiert, dass die größeren Labels bessere Deals haben als die kleineren. Auch hierzulande gibt es Plattenfirmen, deren Songs bereits auf dem Abo-Dienst laufen, die aber noch keinen Cent gesehen haben. Das sind die großen Gefahren im Onlinegeschäft: Die Abrechnungsmodelle sind oft intransparent, Indie-Labels haben schlechte Verhandlungspositionen. Die entscheidende Frage aber ist, ob Spotify jemals lukrativ wird. Der Service startete im Oktober 2008 in Schweden und hat heute sieben Millionen Kunden. Doch 95 Prozent davon bezahlen – nichts. Spotify möchte langfristig gegen die Gratismentalität ankämpfen. Zunächst sollen die User in Massen mit dem kostenlosen werbegestützten Modell angelockt werden; dann werden ihnen die Vorteile der Premiumversion schmackhaft gemacht: bessere Klangqualität sowie die Nutzung offline und am Handy. Aber ob dieses Konzept aufgeht, darüber streiten derzeit alle. Nicht nur illegale Downloads, die generelle Gratismentalität ist das Problem der Musikbranche. Viele Junge kaufen weder CDs noch Tracks bei iTunes, sondern hören Musik auf Seiten wie MySpace, YouTube und Last.fm. Das kostet nichts und ist legal. Was also, wenn Spotify mit seinem Musik-Abo scheitert? Wenn die User nicht mehr freiwillig bezahlen? Dann werden sie dazu gezwungen. Das ist der andere Lösungsvorschlag. ![]() Volker Grassmuck sieht die Kultur-Flatrate als einzige Lösung Die Rechnung funktioniert in etwa so: In Österreich gibt es fast drei Millionen Breitband-Internetanschlüsse; wenn von jedem davon fünf Euro monatlich eingenommen würden, ergäbe das beinahe 180 Millionen Euro pro Jahr. Das Modell klingt utopisch, hat aber ernstzunehmende Befürworter. Volker Grassmuck, Mediensoziologe an der Universität São Paulo, ist einer davon. Am 10. Februar wird er im Rahmen der Musikwirtschaftsdialoge über die Flatrate diskutieren. „Anfangs war ich auch sehr skeptisch, ob sie umsetzbar sei. Aber mittlerweile gehe ich davon aus“, meint er. Man könne das Downloadverhalten der User anonym erfassen, etwa über repräsentative Marktforschung und technische Kontrollverfahren. Das Geld ginge dann an Künstler, deren Werke heruntergeladen, also von der Öffentlichkeit nachgefragt werden. Somit würde Musik vermehrt zu einem gesellschaftlich geförderten Kulturgut, anstatt Ware auf dem freien Markt zu sein. Die deutschen Grünen setzen sich für dieses Modell ein, die Regierung der Isle of Man plant einen Pilotversuch, in Branchenkreisen wird auch hierzulande darüber diskutiert – wenn auch nur leise. „Unter den Labels ist es schon ein großes Thema“, sagt Clara Luzia. Sie diskutiert gerade im VTMÖ, dem Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs, mit ihren Kollegen über die Pauschalabgabe. Das Beispiel von Clara Luzia zeigt, wie schwierig der Musikmarkt geworden ist. Die Singer/Songwriterin ist in ihrem Segment, dem österreichischen Indiepop, eine namhafte Größe. Sie bekommt gute Plattenkritiken, füllt Konzertsäle und wird nicht nur auf FM4, sondern auch auf Ö3 gespielt. Müsste sie nur auf ihre Band achten, könnte sie unter Umständen davon leben. Sie führt allerdings auch ein kleines Label namens Asinella Records, das österreichische Künstler herausbringt. „Und weil ich dieses Label habe“, sagt sie, „geht sich die Rechnung hinten und vorne nicht aus.“ Das ist ein Teil der Realität, den viele Internetpiraten oder ungeneröse Webuser allzu gerne ausblenden. Sie reden sich darauf hinaus, doch Eintrittskarten für Konzerte und Band-T-Shirts zu kaufen. Doch davon bleibt wenig beim Künstler: Clara Luzia verkauft wie viele andere auch ihre Shirts zum Selbstkostenpreis; von der Gage für den Auftritt werden zuerst Fahrkosten und Bookinggebühren abgezogen, der Rest wird auf alle Bandmitglieder aufgeteilt. „Entweder die Bands und kleinen Indielabels verabschieden sich vom Gedanken, von der Musik leben zu können. Oder man braucht eine Lösung“, meint die Musikerin. Grundsätzlich kann sie sich für die Idee der Flatrate erwärmen. „Ich fände das gerechtfertigt. Die Leute, die Internetzugang haben, sollen auch dafür bezahlen, dass sie diese Inhalte im Internet finden.“ Freilich: Ob eine Flatrate sinnvoll ist oder nicht, hängt von ihrer konkreten Umsetzung ab. Für die Urheberrechtsbesitzer stellt sich die schwierige Frage, nach welchem Schlüssel das Geld aufgeteilt würde. Viele Konsumenten werden einen anderen Einwand haben: Warum sollen sie die Zeche zahlen, wenn sie selbst nichts illegal herunterladen? Für Volker Grassmuck ist die Flatrate eine Querfinanzierung, die es in anderen Bereichen auch gibt. Die Leerkassettenvergütung zahlt man bereits für jeden CD-Rohling, unabhängig davon, ob auf diesen dann wirklich Musik gebrannt wird oder nicht. Auch die Rundfunkgebühren fallen für alle Fernsehbesitzer an, selbst wenn sie nur RTL und Pro7 einschalten. „Auch Menschen, die keine Kinder haben, finanzieren mit ihren Steuern die öffentlichen Schulen“, sagt Grassmuck. Nicht jeder sieht das so. „Die Kultur-Flatrate ist ein Enteignungs- und Steuermodell, das Unternehmertum durch Bürokratie ersetzen will“, meint etwa Franz Medwenitsch, der Geschäftsführer des Verbands der heimischen Musikwirtschaft (IFPI). Als Vertreter der Musikindustrie missfällt ihm die staatliche verordnete Zwangsabgabe. „Sie wirft viel mehr Fragen auf, als sie je beantworten könnte“, sagt Medwenitsch. Die Kultur-Flatrate wäre auch eine direkte Konkurrenz zu kommerziellen Bezahlmodellen. Welcher Konsument würde noch für einen Song auf iTunes zahlen, wenn er mit der Flatrate die Erlaubnis zum Gratisdownload bekommt? Wie würde sich das auf den Verkauf von CDs auswirken? Mehr Fragen als Antworten. Das trifft auf beide Modelle zu. Auch gibt es Experten, die sich keine Rettung der Branche mehr erwarten. Die fetten Jahre seien vorbei, meint etwa der Elektronikproduzent Wolfgang Schögl alias I-Wolf. „Das wird sich nicht mehr rentieren“, sagt er und weicht als Musiker selbst auf Film- und Bühnenproduktionen aus, wo es noch Geld gibt. Andere komponieren Werbejingles oder touren permanent durch die Lande. Eine Gemeinsamkeit haben das Konzept der Kultur-Flatrate und jenes von Spotify: Sie gehen von einer anderen Musiknutzung in Zukunft aus. Durch die Digitalisierung wurde Musik zur unbeschränkt zugänglichen Ware. Am PC lässt sich alles kopieren, herunterladen, versenden. Das Album wirkt wie das anachronistische Überbleibsel einer Zeit, als man noch in den Plattenladen ging oder Radiosendungen auf Kassette aufnahm. Einst arbeitete Walter Gröbchen selbst für das legendäre Ö3-Radiomagazin „Musicbox“. Heute hat er Spotify auf seinem Laptop installiert – und ist davon angetan. Er sieht in Abo-Diensten mehr Hoffnung als Gefahren. „Die Vorstellung ist schon faszinierend, zu jeder Zeit jede Musik der Welt hören zu können“, meint Gröbchen, der auch das Label Monkey Music leitet. Er kann sich vorstellen, dass man Musik künftig nicht als Tonträger besitzen, sondern eher über Streamingangebote hören wird. Egal ob die Kultur-Flatrate jemals von einer Regierung per Gesetz eingeführt wird oder ob Spotify am Markt überlebt: Beide Konzepte weisen auf eine Zukunft hin, in der Musik nicht mehr in kleinen Dosen, zum Beispiel als Album oder einzelner Download, feilgeboten wird. Stattdessen kauft man sich den generellen Zugang und kann dann alles anhören, was es gibt. Dieser Artikel ist im Falter 05/10 erschienen. Illustration: PM Hoffmann Fotos: privat / Corn / Grassmuck Bei echtem Protest wird auch die Jury ausgebuhtThursday, February 11. 2010
Der Protestsongcontest ist eine Mischung aus Castingshow und Gesellschaftskritik. Verstimmungen sind einkalkuliert
![]() Die Cremeschnitten gehören zu den 10 Finalisten Darum ging es zum Beispiel in zwei Einsendungen. Aus rund 200 Liedern wurden die 25 besten gewählt, sie durften ins Halbfinale. Hier in der Veranstaltungshalle im 15. Bezirk traten die Bands entweder live auf oder spielten ihren Song auf CD vor, im Finale muss dann alles live sein. Zehn Bands kamen weiter. Die Endrunde findet am 12. Februar im Wiener Rabenhof statt. An diesem Tag begann 1934 der österreichische Bürgerkrieg, auch der Rabenhof wurde beschossen. Seit sieben Jahren gibt es musikalischen Widerstand im Rabenhof-Theater. Von dort stammt die Idee, Kooperationspartner ist FM4. Mathias Zsutty ist im Sender dafür zuständig und moderierte auch die Vorausscheidung. Auf der Bühne fragte er jeden Kandidaten, wogegen er protestiert. Manche hätten sich vorab eine Antwort überlegen sollen. Was einen guten Protestsong ausmacht? „Für mich ist wichtig, dass es ein konkretes Anliegen gibt“, sagt Zsutty. Auch heuer scheiterten im Halbfinale vor allem jene Bands, die keine klare Botschaft hatten. Das Lied „Start the Revolution“ wollte zum Beispiel zum Aufstand aufrufen, doch welche Revolution war gemeint? Das verrieten die Musiker nicht – und schieden aus. Die zehn Finalisten treten kommenden Freitag an (die Songs kann man hier anhören). Darunter vielversprechende Acts wie die Band pauT, die mit Kontrabass, Klarinette und E-Gitarre gegen all die klugen Ratschläge antritt, oder der Beschwerdechor St. Pölten, der die Tristesse in der Provinz gemeinsam besingt. Der Gewinner kann dann einen Abend im Rabenhof veranstalten und wird auf FM4 fleißig gespielt. Die Musik und die gesellschaftskritischen Texte sind dabei nur der halbe Spaß. Die ausgeflippten Bühneneinlagen und böse Kommentare von der Jury gehören mittlerweile auch schon bei der Vorauswahl dazu. Im Finale wird der Ton dann noch rauer. Da passiert es regelmäßig, dass die Jury – insbesondere die Falter-Kolumnistin Doris Knecht – ausgebuht wird. Zsutty stört das nicht, im Gegenteil: „Das macht auch den Charme der Veranstaltung aus: Das Publikum kann sich einmischen, sogar mit Buhrufen.“ Dieser Bericht ist für das Feuilleton im Falter 05/10 erschienen. Foto: Julia Fuchs Ein Gadget für uncoole Apple-JüngerThursday, February 11. 2010 Ich wollte diese Woche wirklich, wirklich nichts über den iPad schreiben. Doch ich bin gescheitert. Egal welche Webseite ich besuchte, egal welche Zeitung ich aufschlug, überall ging es um die neueste Revolution aus dem Hause Apple. Ich habe nach spannenden anderen Neuigkeiten gesucht, aber es gab nur dieses eine Thema. Bisher war ich ein bekennendes Apple-Fangirl, doch dieser Hype nervt. Wenn das so weitergeht, kaufe ich mir das Gerät aus Protest nicht. Ich habe es satt, das Gesicht von Firmenchef Steve Jobs zu sehen, der mir in regelmäßigen Abständen einredet, welches teure Gadget ich unbedingt kaufen muss. Mittlerweile gibt es nichts Uncooleres, als ein Apple-Jünger zu sein. Die halbe Welt besitzt bereits ein iPhone, fast jeder Kaffeehaustisch wird zugepflastert mit silbernen Mac Book Pros, und beim Joggen tragen alle ihre weißen Ohrstöpsel. Mir ist das schon peinlich, deswegen habe ich mir schwarze Ohrstöpsel für mein iPhone gekauft. Das wird Steve Jobs bestimmt ärgern.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 03/10 veröffentlicht. Foto: Flickr-User Matt Buchanan Irgendwann werden unsere Hirne platzenWednesday, February 10. 2010 Preisfrage: Der Tag hat 24 Stunden, wie viel Zeit davon verbringen amerikanische Kinder vor elektronischen Geräten? 7,5 Stunden im Schnitt. Forscher hat das ziemlich verblüfft. Die dachten, der Medienkonsum der Acht- bis 18-Jährigen könne gar nicht mehr steigen. Vor fünf Jahren betrug er bereits 6,5 Stunden. Aber wer soll den Kids einen Vorwurf machen? Es gibt genug Erwachsene, die ihre Finger nicht vom Blackberry lassen können. Besonders fasziniert mich, wie Jugendliche ihre Zeit vor den Geräten nützen. Sie multitasken, schauen fern, während sie im Web surfen, hören Musik, während sie chatten. Und so stopfen sie in ihre 7,5 Stunden Knöpferldrücken fast elf Stunden an Medieninhalten. Entweder ist das total verrückt und irgendwann werden ihre Hirne platzen. Oder es ist die Zukunft und wir werden künftig supereffizient mit unserer beschränkten Zeit umgehen. Die Studie legt Ersteres nahe. Kids mit extremem Medienkonsum haben schlechtere Noten. Boah, das hätten Mama und Papa sicher nicht vermutet.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 04/10 veröffentlicht. Foto: Flickr-User Shadowmancer78 Mit Vollgas ins Web! Die waghalsigen Pläne der AutoindustrieWednesday, February 10. 2010Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 03/10 veröffentlicht. Das obige Foto zeigt den Audi A8 mit Google Earth. Credit: Audi Ja zur Ganztagsschule, Ja zur Nacht-U-BahnThursday, January 28. 2010 Citymaut, Nacht-U-Bahn, Hausmeister, Ganztagsschule und böse Hunde: Von 11. bis 13. Februar entscheiden die Städter. Der Falter gibt Empfehlungen für die Wiener Volksbefragung ab, zwei davon habe ich verfasst. Hier meine Einschätzung zu Schule und U-Bahn Nacht-U-Bahn "In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende kostet pro Jahr fünf Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden. Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?“ Die SPÖ lässt diese Frage so klingen, als sei die Nacht-U-Bahn der größte Schwachsinn. Ist sie aber nicht. Es gibt mehrere Städte mit hoher Lebensqualität, die dieses Service am Wochenende bereits bieten – etwa Stockholm, Hamburg, Berlin. In Wien hingegen denkt man lieber zweimal darüber nach, ob man abends beim Ausgehen etwas länger bleibt. Die letzte U-Bahn? Fährt kurz nach Mitternacht davon. Das Taxi? Ist teuer. Die Nachtbusse? Brauchen lange, und viele wissen gar nicht, wo die nächste Haltestelle ist – es gibt immerhin 23 Nachtbuslinien. Vom Reumannplatz bis Kagran, von Simmering bis Ottakring. Jeder Wiener kennt die U-Bahn-Stationen, weiß, wie er von dort nachhause findet. Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel flitzt so schnell durch die Stadt. Vergleichbare Städte haben gute Erfahrungen mit der Nacht-U-Bahn gemacht. Hamburg führte sie schon vor fünf Jahren ein, die Zahl der Fahrgäste verdreifachte sich daraufhin. Nutzten 2004 noch 30.000 Menschen an Wochenendnächten die Öffis, waren es 2005 schon 90.000. Freitagabends, samstagnachts. Alle 20 Minuten kommt in Hamburg die U-Bahn oder S-Bahn. Zusätzlich fahren einige Buslinien rund um die Uhr. Das ist notwendig für jene Menschen, die nicht direkt neben den Gleisen wohnen. Freilich kostet mehr Transport auch mehr Geld. Die Hansestadt zahlt jährlich 3,5 bis vier Millionen Euro für das Service. Von fünf Millionen Euro wird in Wien gesprochen. 101 U-Bahn-Stationen müssten am Wochenende rund um die Uhr geöffnet sein. Aber sind fünf Millionen Euro für die Stadt und ihre Verkehrsbetriebe eine derart astronomische Summe? Zum Vergleich: Die Volksbefragung kostet inklusive Werbekampagne 6,7 Millionen Euro. Die Wiener Linien befördern pro Jahr 800 Millionen Fahrgäste, heuer investieren sie 471 Millionen Euro in Infrastruktur. Allein in die Verlängerung der U-Bahn fließen davon 300 Millionen Euro. Das derzeitige Nachtbussystem kostet 6,7 Millionen Euro pro Jahr. In der Volksbefragung wird die U-Bahn nun zu Unrecht auf eine Kostenfrage reduziert. Der öffentliche Verkehr kann nicht nur anhand wirtschaftlicher Kriterien beurteilt werden. Ansonsten müsste man alle Nachtbusse abschaffen und untertags den U-Bahn-Takt verringern. Damit ließe sich noch viel mehr Geld sparen. Die Nonstop-U-Bahn ist ein Luxus, den sich andere Städte leisten. Denn er fördert auch die Mobilität und das Lebensgefühl. Wien möchte eine pulsierende Metropole und „anders“ sein – doch bitte nicht nach Mitternacht. Das gehört nun geändert. Ganztagsschule "Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?“ Diese rhetorische Frage könnte sich die Stadtregierung sparen und ohne Zögern die Ganztagsschulen ausbauen. Diese werden dringend gebraucht. Jedes zehnte Kind von Vollzeit-Berufstätigen ist heute nachmittags unbetreut, rechnet die Arbeiterkammer vor. In Wien wünscht sich sogar die Hälfte der Eltern ein ganztägiges Schulangebot, ergab eine Befragung des Unterrichtsministeriums. Derzeit müssen Mütter und Väter mühsam eine Nachmittagsbetreuung suchen, einen Hortplatz zahlen oder wieder einmal die Großeltern um Hilfe bitten. Es braucht also Schulen, in denen die Kinder nachmittags betreut werden. Nicht nur weil Eltern bis 17 Uhr arbeiten. Sondern auch weil es dem Lernprozess der Schüler entspricht: Derzeit pressen wir Mathematik, Englisch und Geschichte in vier bis sechs Stunden am Vormittag. Hirnforscher fanden heraus, dass sich die Aufmerksamkeit von Kindern auf Vormittag und Nachmittag aufteilt. Wichtig ist ein Rhythmus aus Lern- und Erholungsphasen. Die Wiener SPÖ will nun mehr Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht anbieten. Unterricht, Sport und Betreuungsphasen wechseln sich ab. Kinder sollen vormittags nicht überlastet und nachmittags zusätzlich gefördert werden. Österreich ist international eine Ausnahme, kaum ein Land kennt die Halbtagsschule. Diese führt zu sozialer Ungerechtigkeit: Schüler aus reicheren oder besser gebildeten Familien werden nachmittags in den Musikunterricht oder zur Nachhilfe geschickt. Natürlich brauchen solche Kinder die Ganztagsschule weniger als sozial Schwache. Für diese gibt es keine Klavierstunden, keine Mathenachhilfe und oft auch keine Betreuung. Deswegen rät die OECD Österreich, die Ganztagsschule einzuführen. Dort werden Kinder mit Migrationshintergrund auch nachmittags eingebunden und bekommen bessere Bildungschancen. Die ÖVP warnt vor diesen Plänen. Sie befürchtet eine „Zwangstagsschule“, in der alle verpflichtend vormittags und nachmittags pauken müssen. Das ist Panikmache. Von „verpflichtenden Ganztagsschulen“ traut sich kein roter Politiker reden. Lediglich das freiwillige Angebot soll ausgedehnt werden. In jedem Bezirk will die SPÖ mindestens eine Ganztagsschule errichten. Mutig wären die Sozialdemokraten, würden sie an einer verpflichtenden Ganztagsschule für alle arbeiten. Oder wenn sie es zumindest wagten, die Wiener Bevölkerung offen zu fragen: „Soll die Halbtagsschule in eine Ganztagsschule umgewandelt werden?“ Langfristig läuft alles auf diesen Schultyp hinaus: Mütter und Väter gehen arbeiten, die Kinder brauchen nachmittags Förderung, und es sollen alle gleich viel Aufmerksamkeit auch nach zwölf Uhr bekommen. Solange die Anzahl der Ganztagsschulen begrenzt und die Halbtagsschule Normalität ist, ist das nicht gegeben. Diese Texte sind im Falter 04/10 erschienen und Teil einer größeren Covergeschichte zur Wiener Volksbefragung. Fotos: Heribert Corn / Abstimmungs-Logo: Wienwillswissen.at Der Lift des GrauensThursday, January 21. 2010 Der Schlepplift ist ein aussterbendes Fortbewegungsmittel. Warum es sich trotzdem lohnt, im Skigebiet zum Doppelbügel zu greifenBeim Sessellift wird eine Heizung eingebaut, der alte Babylift durch eine Acht-Personen-Gondel ersetzt, direkt zum Hang kommt ein Parkhaus. Zweifelsohne ist der Wahnsinn in den heimischen Wintersportorten ausgebrochen. Sie verpulvern Abermillionen Euro für Beschneiungsanlagen, neue Lifte und noch mehr Pisten, um mindestens genauso modern, komfortabel oder luxuriös wie die Nachbarregion zu wirken. Das alpine Wettrüsten fordert seine Opfer. Das Erste davon ist der Schlepplift. Immer häufiger wird er von Sesselliften oder gar Gondeln ersetzt. Jeder Wintersportler weiß, warum: Der Schlepplift ist ein Fortbewegungsmittel für Masochisten. Da muss man in der eisigen Lifttrasse hin- und herbalancieren, anstatt sich entspannt zurückzulehnen. Auch bietet der Lift keinerlei Schutz vor Wind oder Schneefall. Die Snowboarder klagen, dass ihnen der Bügel gegen den Oberschenkel drückt. Das tut schon ordentlich weh, vor allem wenn die Strecke steil wird. Warum also Schlepplift fahren? Weil es manchmal die einzige oder schnellste Beförderungsmethode ist. Weil der Bügel vielen älteren Sesselliften davondüst und es selten zu Wartezeiten wie bei der Gondel kommt. Aber auch weil so eine Fahrt mit dem Schlepplift eine Reise in die Vergangenheit ist. In eine Zeit, als Skier noch nicht krumm wie Bananen waren und Snowboarden als neuartige Trendsportart noch in weiter Ferne lag. Wer heute vor dem Drehkreuz steht und Richtung Liftwart schaut, wird womöglich an den Skikurs als Kind zurückdenken, an die vereisten Lifttrassen und die ulkige Wintermode der 80er-Jahre – mit Ganzkörperskianzug. Oder an die netten Konversationen, die man mit wildfremden Menschen führte. Nicht durch Zufall wurde der Doppelbügel bei seiner Einführung in den 1930er-Jahren auch „Sie- und-er-Bügel“ genannt. Am Schlepplift lernte man sich noch kennen. Heute ist das anders. Der Schlepplift ist ein einsames Fortbewegungsmittel geworden, man kommt dabei kaum mit Fremden ins Gespräch – denn die sitzen meistens am Sessellift. Wer es eilig hat oder ungestört alleine Ski fahren möchte, ist nun am Schlepplift richtig: Ruckzuck hat man den Bügel in der Hand. Natürlich gibt es noch immer Skigebiete mit ausschließlich Schleppliften. Sie haben zwei Vorteile: günstigere Tageskarten und vergleichsweise leere Pisten. Eines lässt sich nicht leugnen: 75 Jahre nach seiner Einführung ist die Zeit des Schlepplifts vorüber. Er lebt vor allem in der Erinnerung als „Lift des Grauens“ weiter. Fast jeder Skifahrer oder Snowboarder kann eine gute Geschichte davon erzählen: Zum Beispiel wie man sich als Kind vor dem Bügel fürchtete. Der raste auf einen zu, hang viel zu hoch in der Luft und man musste sich richtig anstrengen, um das Ding auf Popohöhe zu ziehen. Welcher Sadist hatte sich das ausgedacht? Und wer war auf die Idee gekommen, ausgerechnet auf den steilsten Hängen sauschnelle Lifte zu eröffnen? Dann fiel ein Skifahrer kurz vor dem Ausstieg hinaus und alle anderen kullerten die Lifttrasse hinab. Die steilen, gefährlichen Schlepper wurden dann als Erste durch abgehobene Seilbahnen ersetzt. Nicht nur die Skiressorts sind wahnsinnig geworden, dass sie so viel Geld in ihre Sessellifte stecken (die Geräte kosten zehnmal so viel wie ein neuer Schlepper). Auch die Konsumenten haben ein irrsinniges Bequemlichkeitsbedürfnis über der Baumgrenze entwickelt. Sie fahren Carving-Ski, die die Schwünge fast von selbst machen, wollen Schnee, selbst wenn es nicht schneit, und für die 40 Euro teure Tageskarte erwarten sie etwas anderes als den archaisch wirkenden Doppelbügel. Fazit: Der Schlepplift ist das Überbleibsel einer Zeit, als Wintersport noch deutlich unbequemer war. Wer den fehlenden Komfort in Kauf nimmt, wird mit kürzeren Wartezeiten oder sogar günstigeren Tageskarten belohnt. Diese Mobilitätskolumne ist im Falter 01-02/10 erschienen. Dank iPhone koche ich jetzt freiwilligTuesday, January 19. 2010 Es ist total degeneriert, aber ohne iPhone kann ich keine weichen Eier kochen. Ich vergesse die Zeit oder bekomme Salmonellenpanik und lasse die Dinger dann viel zu lange im heißen Wasser. Fast hätte ich meine Kochexperimente aufgegeben und nur mehr Schinken und Käse gefrühstückt. Zum Glück gibt es aber mein EiPhone. Darauf habe ich ein Programm namens „Die perfekte Eieruhr“ installiert. Klingt angeberisch, die Applikation hält aber, was sie verspricht. Sie berücksichtigt die Größe des Eis, ob dieses aus dem Kühlschrank kommt oder nicht, und auf wie viel Höhenmetern man sich gerade befindet. Dann muss man nur noch angeben, ob man das Ei flüssig, weich oder hart haben möchte, und das Gerät berechnet die richtige Kochzeit. Und zwar auf die Sekunde genau! Das ist so deppensicher, dass sogar mir Kochen plötzlich Spaß macht. Jetzt hoffe ich nur noch, dass es bald Programme wie „Der perfekte Tafelspitz“ oder „Die perfekte Lasagne“ für das iPhone gibt. Denn so werden sogar Geeks zu Chefs.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 01-02/10 veröffentlicht. Das abgebildete Ei wurde mit Hilfe der iPhone-Applikation gekocht
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