Warum sind die Rechten so hip im Netz?

Jetzt online! Mein Vortrag von der re:publica: Wie Rechte gekonnt das Internet nutzen – und was wir von ihnen lernen können. Video und Transkript

Ich bin seit einiger Zeit etwas nachdenklich. Mir scheint, dass sich etwas verändert hat im Intzernet. Dass rechte Stimmen umso lauter, umso sichtbarer geworden sind. Am deutlichsten fällt mir das auf Twitter auf, wo ich merkte, dass ich immer öfter von rechten Accounts angeschrieben, auch angegangen werde. Ich gebe ein Beispiel für so einen Tweet – es ist ein eher unfreundlicher Tweet. Ein User erklärt mir darin: „Wenn sie nichts besseres mit sich anzufangen wissen, begehen sie von mir aus Suizid.“

Noch ein Beispiel – etwas weniger krass: Hier schreibt mir ein User, dass ich ein „bückehals“ sei. Ich glaube nur, ehrlich gesagt, dass das kein wirklich existierendes Wort ist. Darunter ist ein Bild beigefügt, wo Theodor Körner zitiert wird mit der Aussage: „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“

Das Zitat klingt ein bisschen bedrohlich. Vor allem aber stimmt es nicht. Es gibt keinen Nachweis, dass Theodor Körner das jemals gesagt hätte. Also mit einem Wort, das es nicht gibt, und einem Zitat, das erfunden wurde, versucht dieser User, seine intellektuelle Erhabenheit zu belegen.

Aber mir geht es gerade gar nicht so sehr um die Inhalte. Mir geht es auch um die Quantität, mein Eindruck ist, dass ich früher nicht so viel Zeug abbekam. Dass vor 5, 6 Jahren weniger solche rechte User auf Twitter waren. Und weil ich mich gefragt habe, ob das nur ein Bauchgefühl ist, oder ob da mehr dahinter steckt, habe ich den Datenspezialisten Luca Hammer kontaktiert.

Er konnte konkrete Zahlen für Twitter ermitteln. Luca hat Accounts der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich und Deutschland gesammelt und analysiert, welche User mit vielen solchen rechten Accounts verknüpft sind. Das hat er dann als rechtes Milieu auf Twitter ausgewertet und kommt zum Schluss, dass 19.000 solche rechte Accounts aus dem deutschsprachigen Raum zu finden sind. Spannend ist aber vor allem, wann diese Accounts registriert wurden. Er hat diese Statistik erstellt – wir sehen: Viele dieser rechten Accounts sind nur ein, zwei oder drei Jahre alt.

Auswertung: Luca Hammer

Diese rechte Blase auf Twitter, die ist tatsächlich ein neues Phänomen. Da hat sich etwas verändert. Wir sehen zunehmend erfolgreiche Rechte im Netz, die auch versuchen, Räume im Internet zu erobern.

Wenn ich von Rechten im Netz spreche, meine ich sowohl das Lager der Rechtsextremisten als auch das Lager der Rechtspopulisten. Denn einerseits gibt es sehr wohl Verknüpfungen zwischen diesen Lagern. Und andererseits interessiert mich generell die Frage: Warum sind die so geschickt online? Was machen die richtig?

Warum sind die Rechten so hip im Netz – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung? Darum wird es heute gehen. Ich werde darüber sprechen, was die Rechten geschickt machen. Aber ich werde auch Lösungsvorschläge liefern, was man tun kann, wenn man den Rechten im Internet etwas entgegensetzen will. Denn das ist auch möglich.

Das Ganze ist auch deswegen eine interessante Frage, weil wir ursprünglich eine andere Erwartungshaltung an das Internet hatten. Weil es schon diese Idee gab, dass im Internet eine sachlichere und fairere Debatte möglich ist.

Ich übertreibe hier nicht, es gab diese Internet-Utopie. Und um das vorzuführen, habe ich etwas mitgebracht. Ein Werbespot aus dem Jahr 1997 von einem Internetprovider namens MCI, der damals versprochen hat, im Internet wird Geschlecht nicht mehr wichtig sein: „There is no race, there is no gender“. Ich zeige das schnell, es ist ein ziemlich brisantes Video:

Utopia? No, the internet.

Heute, 20 Jahre später, leben wir in einer Welt, in der Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. Und in der die AfD mit 12,6 Prozent im Bundestag sitzt. Und in der in Österreich die rechtspopulistische FPÖ mit an der Macht ist.

Heute, 20 Jahre später, leben wir in einer Welt, in der Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. In der die AfD mit 12,6 Prozent im Bundestag sitzt. Und in der in Österreich die rechtspopulistische FPÖ mit an der Macht ist
Es ist falsch, das Internet als Ursache für all das zu sehen. Das Internet ist nicht der Grund, warum sich Menschen von rechten, nationalistischen Ideen angesprochen fühlen – da braucht es einen gesellschaftlichen Nährboden. Aber es ist auf jeden Fall nicht so, dass uns das Internet geholfen hätte, den Rassismus zu überkommen. Im Gegenteil: Rechte Akteure nutzen das Netz sehr geschickt. In ihrer Erfolgsstrategie spielen digitale Tools sogar eine große Rolle. Ich werde heute drei Erklärungen hierfür liefern. Beginnen wir gleich mit der ersten:

Rechtspopulistische Strategien passen meines Erachtens sehr gut zu unserer erhitzten Debatte im Netz. Ein Merkmal rechtspopulistischer Rhetorik ist nämlich das Schüren von Emotion, das Schüren von Wut. Die Linguistin Ruth Wodak schreibt dazu: „Die diskursiven Strategien der ,Täter-Opfer-Umkehr‘, der Bestimmung von ,Sündenböcken‘ und der ,Konstruktion von Verschwörungstheorien‘ gehören […] zum unverzichtbaren ,Werkzeug‘ rechtspopulistischer Rhetorik.“

Wenn ein Politiker der AfD pauschal alle Türken als „Kameltreiber“ verunglimpft oder wenn der österreichische Innenminister sagt, man solle Flüchtlinge „konzentriert“ an einem Ort unterbringen, dann rütteln solche Provokationen an uns.

Solche Worte zwingen uns zur emotionalen Reaktion. Und das ist eines der Erfolgsrezepte der Populisten. Klassische Medien springen auf solche Aussagen auf, thematisieren diese und geben ihnen damit Raum.

Aber auch im Internet ist diese Emotionalisierung geschickt. Weil emotionalisierende Postings mehr Reaktionen hervorrufen. Es gibt ein Experiment, von dem ich häufig erzähle. Der Politologe Timothy Ryan hat politische Werbung auf Facebook getestet. Und er sah, politische Werbung auf Facebook, die Wut auslöst, kriegt mehr als doppelt so viele Klicks wie eine neutralere Botschaft. „Es stimmt, Wut bringt Menschen zum Klicken“, sagte Timothy Ryan zu mir.

Das heißt, für Parteien ist es effektive Strategie, Wut auszulösen, Menschen in Aufruhr zu bringen und dann Klicks zu ernten. Dass wir auf Emotion reagieren, das ist nur menschlich. Aber im Netz kommt ein zweiter Faktor hinzu: Die Technik. Was wir online sehen, wird zunehmend auch von Software – von Algorithmen – bestimmt. Auf Plattformen wie Facebook und Google bestimmt der Algorithmus, was den Usern eingeblendet wird und was nicht.

Ein Problem ist, dass die Rhetorik von Rechtspopulisten anscheinend gut zur Logik solcher Algorithmen passt: Facebook belohnt, wenn ein Post viele Likes, viele Kommentare, viele Shares, viele Reactions bekommt. Das sind diese Reactions – diese Smileys auf Facebook:

Wut bringt Menschen zum Klicken und der Algorithmus sieht solche Signale als Zeichen, dass etwas wichtig ist. Ich habe das einmal als „Empörungswettbewerb“ im Internet bezeichnet. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass ein junger Datenwissenschaftler namens Josef Holnburger sich die Arbeit antut, das quantitativ zu überprüfen (hier eine nähere Zusammenfassung seiner Untersuchung von mir). Er hat sich angeschaut, wieviel Reaktionen die Bundestagsparteien bekommen und er sah, dass die AfD viel mehr Reactions als alle anderen Parteien erhält. Er hat mehr als eine Million Reactions der AfD ausgewertet und gesehen, welche Reaktion die AfD vor allem erntet: Wut.

Auswertung: Josef Holnburger

Mehr als die Hälfte aller Reactions auf die AfD sind Wut. Solche Datenauswertungen können nicht verraten, ob die Menschen mit der AfD wütend sind oder über sie. Aber es ist auch egal, weil der Algorithmus beides als positives Signal wertet. Der Verdacht liegt nahe, dass die AfD auch davon profitiert, dass sie online Wut schürt.

Es ist also möglich, dass Technik ein Faktor für den Erfolg von Rechtspopulisten ist. Wir wissen das nicht so genau, weil Facebook bisher keine unabhängigen Untersuchungen hierzu erlaubt. Die Plattform hat ja angekündigt, künftig mehr mit Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, dass diese Wissenschaftler auch den Algorithmus analysieren dürfen. Das wissen wir bisher nicht. Aber wir hätten Aufklärung verdient.

Aber Technik ist gewiss nicht der einzige Faktor: Ich komme zum zweiten Grund.

Sketchnote: Ania Groß

Ich merke an mir selbst, dass ich immer wieder überrascht bin, wenn Rechte so erfolgreich sind. Und ich glaube, ich sitze da einem Denkfehler auf. Nämlich, dass man sehr leicht moderne Medien mit einer modernen Gesellschaftshaltung assoziiert. Aber natürlich ist es nicht so, dass Technik immer nur von einer Seite genutzt werden kann. Es lässt sich sogar beobachten, dass nationalistische Gruppierungen sehr technologieaffin sind, weil sie in Technik immer auch die Chance sehen, ihre Ideologie verbreiten zu können.

Das berühmteste Beispiel aus der Geschichte, das schlimmste Beispiel, sind natürlich die Nationalsozialisten mit ihrer Affinität zu neuen Medien. Aber ich war überrascht, zu lernen, dass auch andere extreme Gruppierungen weltweit sehr technikaffin sind.

Zum Beispiel hat der Ku-Klux-Klan in den USA schon in den 1920er-Jahren Filmproduktionsstudios besessen und eigene Filme produziert, die Rassismus fördern sollten, und hat das öffentlich vorgeführt. Das erzählte mir die Soziologieprofessorin Jessie Daniels vom Hunter College, die ein ganzes Buch über das Thema geschrieben hat namens „Cyber Racism“.

Von ihr weiß ich auch, die Technikbegeisterung des Ku-Klux-Klan, die währt an. Vielleicht sagt jemanden der Name David Duke etwas. Das ist einer der bekanntesten Neonazis aus den USA, er war auch Grand Wizard bei einer Ku-Klux-Klan-Organisation, also deren Leiter.

Im Jahr 1998 schrieb David Duke auf seiner Webseite: „Ich glaube, dass das Internet eine Kettenreaktion der rassischen Aufklärung auslöst, die die Welt mit der Geschwindigkeit ihrer intellektuellen Eroberung erschüttern wird.“

Offensichtlich mögen Rechtsextreme solche pompösen Ankündigungen. Aber faszinierend ist das schon, in welchem Jahr David Duke das schrieb: 1998, vor 20 Jahren. Erinnern wir uns, der Werbefilm, den ich vorher zeigte, der lief ungefähr zur gleichen Zeit.

Während im Mainstream Spots liefen, die uns erklärten, „there is no race, there is no gender“, arbeiteten die Rechtsextremen schon daran, den Rassismus salonfähig zu machen. Zunehmend sehen wir jetzt diese Eroberungsstrategie, auch in Deutschland, in Österreich, im deutschsprachigen Raum. Erst kürzlich lief die beeindruckende Doku „Lösch dich“, die zeigte, wie Rechte und Rechtsextreme den Discord-Server „Reconquista Germanica“ zur Rekrutierung von Mitläufern, aber auch zum Niedermachen, zum Fertigmachen von Andersdenkenden benutzen. Denn auch das ist eine rechte Strategie – besonders aggressiv zu sein, um die anderen einfach wegzumobben.

Für uns mag Reconquista Germanica verstörend oder skurril sein, etwa dass die User in Rängen eingeteilt werden oder dass es ein eigenes Bewerbungsverfahren dafür gibt. Aber für einige User, speziell junge Männer in dieser Szene, ist das ihre Jugendkultur geworden. Dieses Auflehnen gegen den Mainstream, gegen das vermeintliche „Dogma“ der „Politisch Korrekten“ wird als rebellischer Akt verkauft.

Das ist ein genialer Marketing-Trick der extremen Rechten: Rückwärtsgewandte Ideen wie der Nationalstaat oder das traditionelle Familienbild werden plötzlich als etwas revolutionär Neues verkauft, als Teil einer Jugendkultur. Und dass diese Gruppierungen auch als „Neue Rechte“ bezeichnet werden, ist auch ein Marketing-Trick. Denn hier wird eigentlich nur altes Gedankengut neu aufgepeppt.

Sehr viele Aktivitäten der extremen Rechten bauen darauf auf, die Community weiter auszubauen. Reconquista Germanica ist nur ein Beispiel, ein anderes: Es scheint zu sein, dass die Identitäre Bewegung in Kürze ihre App „Patriot Peer“ starten könnte. Zumindest gibt es schon einen Prototypen für Android, der neulich in einem Video gezeigt wurde.

Zur Erklärung: Patriot Peer ist eine Smartphone-App, die Gleichdenkende leichter zusammenbringen soll. Man startet das Programm und auf der Landkarte sieht man, wo in der Nähe ein rechter User ist. Den kann man anpingen und dann auch treffen. Es ist ein weiteres Tool in der Szene, das diese einschwören und ein Wir-Gefühl auslösen soll.
Der Slogan des Ganzen lautet übrigens: „Patriot Peer, die App für die schweigende Mehrheit“. Und das finde ich fast schon wieder lustig: Weil, einerseits behaupten die Rechten, die „schweigende Mehrheit“ zu sein, und andererseits brauchen sie eine App, um einander überhaupt zu finden.

Mal schauen, wann und ob diese App wirklich kommt. Man kann sich vor solchen Ankündigungen auch zu sehr fürchten. Aber es ist eben interessant, wie technologieaffin die Rechten sind, wie sehr sie an neuen Tools arbeiten, die den Mitgliedern suggerieren sollen: Sie seien Teil einer riesigen Bewegung.

Solche rechten Gruppierungen im Netz nutzen diese Online-Tools, um mächtiger und größer zu wirken, als sie es wirklich sind. Es gibt aber noch einen dritten Grund, warum die Rechten online so erfolgreich sind: Und das ist ihre Beharrlichkeit.

Wir Österreicher haben ja schon seit Jahrzehnten Rechtspopulisten im Parlament. Die FPÖ war auch tatsächlich die erste Partei in Österreich, die mit einer richtigen Onlinestrategie auffiel. Zum Beispiel führten die Freiheitlichen schon 2012 „FPÖ-TV“ ein. Ein YouTube-Kanal, wo sie eigenes Programm machen. Der YouTube-Kanal hat nicht sonderlich viele Klickzahlen, aber darum geht es gar nicht: Seit der Einführung von FPÖ-TV hat die Partei ein eigenes Videoteam. Und diese Videos werden vor allem auf Facebook massentauglich ausgestrahlt. Die Partei hat also früh daran gearbeitet, Content zu erstellen, und somit die Erzählung der eigenen Partei immer neu wiederholen zu können.

Das meine ich mit Beharrlichkeit. Und auch die AfD ist eine beharrliche Partei. Als Österreicherin finde ich es immer wieder faszinierend, wie schnell sich diese Partei eine Vielzahl von Accounts aufgebaut hat, wie rasch sie diese – wie sie es nennt – „Instrumente der Gegenmacht“ errichtete.

Andere Parteien arbeiten weniger kontinuierlich. Da wird schnell vor der Wahl ein pompöser Social-Media-Auftritt eingeführt: Und am Tag nach der Wahl ist es damit aus – der Kanal wird abgedreht oder vernachlässigt. Erst kürzlich war das bei Martin Schulz zu beobachten, wo auffiel, dass er nach der Wahl kaum noch sich zu Wort meldete. Anderen Parteien mangelt es also an dieser Beharrlichkeit. Und mit Beharrlichkeit meine ich nicht nur, wie oft man etwas postet, bei Beharrlichkeit geht es auch um Inhalte.

Parteien wie die AfD verändern, worüber in Deutschland gesprochen wird. Sie erweitern und sie verschieben die Debatte. Ähnlich wie das einst die Grünen taten. Nur reden wir jetzt nicht über Umweltschutz und über Baumsterben, wir reden darüber, wie gefährlich die Zuwanderung ist oder ob Deutschland ein christliches Land ist.

Natürlich verschiebt das die Debatte. Zu solchen Fragen zitiere ich gerne Elisabeth Wehling, eine Linguistin, deren Arbeit ich sehr schätze. Sie ist übrigens morgen auch hier. Elisabeth Wehling forscht zu Frames, das ist eine wissenschaftliche Theorie, die die Macht von Worten erklären kann.

Um diese These kurz zu erklären: Wenn wir Menschen ein Wort hören, dann verstehen wir dieses Wort über einen Frame – das ist ein Deutungsrahmen in unserem Gehirn. Frames bringen quasi die Assoziationen, mit denen wir Information verstehen.

Ein simples Beispiel: Ich sage Ihnen den Satz, „der Vogel ist am Himmel“. Stellen Sie sich das kurz vor: Der Vogel ist am Himmel. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie sich einen Vogel mit gespreizten Flügeln vorgestellt haben. Oder? Aber in dem Satz „der Vogel ist am Himmel“ steckt diese Information gar nicht drinnen: Sie wissen nur aus Ihrer Erfahrung, wenn ein Vogel am Himmel ist, dann fliegt er, und wenn er fliegt, hat er die Flügel gespreizt. Ihr Hirn hat hier einen Frame abgerufen. Und Frames sind gerade in der politischen Debatte interessant, weil sie Assoziationen wecken. Je öfter man Begriffe gemeinsam hört, desto eher werden diese Begriffe auch verknüpft. Wenn man oft hört „kriminell“ und „Flüchtling“, dann wird zwischen diesen Worten ein stärkerer Zusammenhang in unserer Denkstruktur erstellt. Ideen jedoch, die wir selten hören, sind nicht so präsent in unserem Denken. (Anm.: Näher wird das im Buch “Politisches Framing” von Wehling erklärt)

Gerade Rechtspopulisten arbeiten sehr stark mit der Wiederholung. Und das führt dazu, dass wahrscheinlich jeder von Ihnen einen AfD-Politiker nachahmen könnte. Aber die andere Sicht, den Gegen-Standpunkt können wir oft nicht so gut vertreten – vielleicht auch, weil wir ihn nicht so oft hören.

Zum Beispiel diskutieren wir schon recht oft über die Frage: Wie schlimm ist Political Correctness?
Aber wir diskutieren schon seltener über die Frage: Wie sinnvoll ist Political Correctness? Also dass man nicht gezielt mit Worten andere Menschen verletzt?

Viele Diskussionen, die wir derzeit führen, lassen erahnen, dass rechte Frames schon tief in unserer Gesellschaft angekommen sind. Das Internet ist wirklich nicht der einzige Grund. Aber gerade das Internet eignet sich auch gut für Wiederholung.

Und auch Akteure von Rechtsaußen arbeiten an diesem Verschieben des Diskurses. Es gibt ein interessantes Papier, das 2017 publik wurde und anscheinend eine Schulungsunterlage der Identitären ist. Sie schreiben darin: „Unsere politische Kommunikation muss die Massen erreichen und gut zugänglich sein. (…) Wir wollen uns aber nicht ausschließlich an den Mainstream wenden und dessen Ideen wiedergeben. Wir wollen dessen Meinungen durchsetzen, verschärfen und polarisieren.“

Extreme Akteure wollen die Debatte verschärfen und polarisieren. Dazu möchte ich auf das Thema Memes noch schnell eingehen: Auf jene Bilder, Sätze, Videos, die stets aufs Neue wiederholt, im Kontext verändert, spielerisch adaptiert werden. Dass Rechte mit Memes – mit unterhaltsamen Elementen der Netzkultur – arbeiten, ist ein weiterer Versuch, die Debatte hizujacken. Gerade über Bilder und über scheinbaren Humor soll ein niederschwelliger Zugang zu rechtem Gedankengut geschaffen werden.

Das Motto der diesjährigen Republica ist Pop. Memes sind die Popkultur des Internet und Rechte versuchen, sich diese Popkultur anzueignen. Es ist leider unmöglich, in einem Vortrag zur Frage „wie hip sind die Rechten im Netz“ nicht über das Meme „Pepe the frog“ zu sprechen. Die Aneignung dieses Memes ist bisher der größte popkulturelle Erfolg der Rechten.

Credit: Matt Furie

Zur Erklärung: Pepe the frog war einst eine harmlose Comicfigur, ein Frosch, der ein Junggesellenleben führte und ziemlich viel kiffte. Doch aus dieser harmlosen Comicfigur wurde durch Rechtsextreme von den USA bis Europa ein Hasssymbol. Ein Hasssymbol, bei dem Pepe zum Beispiel grinsend als SS-Offizier vor einem Konzentrationslager gezeigt wird.

Oder sie porträtierten Pepe als Donald Trump oder als Marine Le Pen und wiederholten diese Botschaft so oft, bis die Message überall angekommen war.

 

Ich glaube nicht, dass Rechte so viel internetaffiner als der Rest von uns sind, aber sie sind beharrlich. Und eine Frage gibt mir zu denken: Die Rechte hat ein weltweites Symbol mit Pepe the frog geschaffen. Es gibt kein Meme, das für Progressivität steht. Es gibt keinen Pepe the frog der Gegenseite. Und das zeigt schon etwas.

Ich komme jetzt zu den Lösungen. Und weil mir die Zeit fehlt, kann ich nur schnell zwei liefern. Erstens:

Wir müssen über Technik reden. Weil Technik verändert werden kann. Auf Facebook kann ich „gefällt mir“, „haha“, „wütend“ klicken. Aber ich kann nicht auf „Respekt“ klicken. Dazu gibt es interessante Forschung der Kommunikationswissenschaftlerin Natalie Stroud. Die hat sich mit Kollegen angeschaut, wie sich in Foren das Klickverhalten ändert, wenn nicht ein Like-Knopf, sondern ein „Respect“-Knopf zu finden ist – also ein Knopf, auf dem „Respekt“ draufsteht.

Wenn User nur einen Like-Knopf sehen, klicken sie eher bei Meinungen von Gleichdenkenden auf „gefällt mir“ – und signalisieren Zustimmung.

Wurde aber ein „Respekt“-Knopf eingeführt, dann klickten die Studienteilnehmer viel öfter auch bei Andersdenkenden auf den Knopf. Man signalisierte quasi: Ich respektiere deinen Standpunkt, auch wenn ich ihn nicht unbedingt teile. Und das ist schon beeindruckend, dass man mit dem Austausch eines einzigen Wortes das Userverhalten ändern kann.

Wenn wir Technnik ernstnehmen, sollten wir die Frage aufwerfen, wie Technik designt sein kann, wenn wir das Beste und nicht das Schlechteste von Menschen sichtbar machen wollen. Und natürlich sollten die großen Plattformen auch Forschung hierzu erlauben.

Jetzt meine zweite Anmerkung: Wir haben gesehen, Rechte sind fleißig und sie arbeiten geschickt, ihre Sichtweise zu verbreiten.

Mein Eindruck ist, die andere Seite – diejenigen, die zum Beispiel Rechtsextremismus ablehnen, – die vertrauen sehr oft darauf, dass sich das bessere Argument schon irgendwie durchsetzen wird. Ich habe ein Buch über die Manipulation im Internet geschrieben namens „Lügen im Netz“, und seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, fällt mir auf:

Mit Fakten alleine gewinnt man leider keine politischen Diskussionen. Dazu eine interessante Untersuchung aus Frankreich: Wissenschaftler haben eine Falschmeldung von Marine Le Pen Studienteilnehmern vorgelegt – und dann auch den Faktencheck.

Marine Le Pen hatte nämlich gesagt, in Deutschland und Ungarn sind 99 Prozent der Flüchtlinge Männer und die kommen nur aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist falsch. Laut UNHCR sind 42 Prozent der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kamen, Frauen oder Kinder.

Die Forscher zeigten den Franzosen die falsche Aussage und dann auch den Faktencheck. Die gute Nachricht: Nachdem die Menschen die richtige Information gelesen hatten, glaubten sie die. Sie glaubten eher dem UNHCR als Marine Le Pen.

Aber: Fakten konnten nicht Herzen bewegen. Selbst wenn Bürger den Faktencheck gesehen hatten und zuvor Marine Le Pens Behauptung, führte das dazu, dass sie der Flüchtlingspolitik von Marine Le Pen im Schnitt eine Spur mehr zugeneigt waren. Das heißt, selbst wenn ich die Falschbehauptungen von Rechtspopulisten widerlege, wirken ihre Narrative.

Das führt zu folgendem Schluss: Man braucht in der politischen Debatte nicht nur die besseren Fakten, sondern auch eine überzeugende Erzählung. Und ich glaube, hier liegt eine Schwäche der etablierten Parteien, die die großen Erzählungen oft nicht so klar liefern. Politik ist ein Wettbewerb von Ideen, nur dafür braucht es sichtbare Ideen.

Und vielleicht haben wir uns auch zu sehr daran gewöhnt, dass die Gesellschaft eh immer offener wird. Seit 1968 fand ein Kulturwechsel statt. Zum Beispiel müssen Frauen seit Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr ihren Mann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen wollen. Und Homosexuelle bekamen auch immer mehr Rechte mit der Zeit.

Überzeugungsarbeit ist immer auch Arbeit
Wer in dieser Phase der Progressivität aufgewachsen ist, könnte den Eindruck gewinnen, es geht eh automatisch voran. Aber es geht nicht automatisch voran – das muss immer erneut erkämpft werden. Und die Rechten, die kämpfen. Wir sehen derzeit, wie reaktionäre und national ausgerichtete Bewegungen wieder an Boden gewinnen – auch im Terrain namens Internet. Ihr Ziel und ihre Hoffnung ist es, progressive Errungenschaften wieder zurückzubauen. Und ich komme jetzt zum Schluss.

Wenn ich eines von den Rechten gelernt habe, dann wie beharrlich sie an ihrem Gesellschaftsentwurf arbeiten. Wir sehen hier: Überzeugungsarbeit ist immer auch Arbeit.

Und wir sollten nicht die Ideen oder die Inhalte der Rechten kopieren. Wir sollten aber etwas von ihrer Beharrlichkeit lernen.

Danke.

 

Hier das Video des Vortrags:

 

Dieser Text ist das Transkript meines Vortrags von der Konferenz re:publica im Mai 2018 in Berlin, zum besseren Verständnis wurden leichte Versprecher im Transkript ausgebessert. Danke dem Team von der re:publica für das Publizieren des Videos! Den Hinweis auf das Video aus dem Jahr 1997 von Internetprovider MCI bekam ich übrigens auch von Soziologin Jessie Daniels – vielen, vielen Dank auch dafür!

Kommentare

  1. Ungefähr jedes Merkmal oder jede Manipulationstechnik, die hier exklusiv “rechts” zugeschrieben wird, ist von allen Akteuren im politischen Spektrum in exakt der angeprangerten Form genutzt worden und wird es weiterhin. Die “AfD-Wut” über irgendwas unterscheidet sich beim Facebook-Emoji nicht von der Wut über Lohnungerechtigkeit oder tote Kinder am Strand unter einem taz-Artikel, die patriotische App unterscheidet sich funktional rein gar nicht von gleichartigen Apps, die zur “Vernetzung von Protest” erstellt wurden und nun ja, “Revolutionsversprechen” sind rechts? … kicher … schon mal auf ‘ner 1.Mai-Demo gewesen?

    1. Author

      Es gibt signifikant messbare Unterschiede zwischen den Parteien – dass die AfD stärker Wut erntet als andere, ist das Ergebnis dieser Untersuchung von Josef Holnburger: http://holnburger.com/Auf_den_Spuren_des_Wutbuergers.pdf Man kann dort auch alle anderen Parteien ansehen und nachlesen, welche Reaktionen diese ernten. Aber natürlich: Wut ist eine universelle Emotion, gesellschaftlicher Wandel wird oft über Wut erreicht, zB weil Menschen einen unfairen Zustand nicht länger hinnehmen wollen. In meinen Augen macht es einen qualitativen Unterschied, in welche Richtung Parteien Wut einsetzen – problematisch wird Wut meines Erachtens, wenn man sie gegen gesellschaftlich schwächer gestellte Menschengruppen einsetzt

  2. Vielleicht nur am Rande (oder auch gar nicht…) interessant, aber hier noch ein kleiner Exkurs zum Thema Technologie und Utopie: Bereits im Zusammenhang mit elektrischer Telegrafie und mit der Verlegung des ersten transatlantischen Unterseekabels in den 1850er/60er Jahren äußerten Zeitgenossen immer wieder die Idee, dass, sobald dieses Kabel verlegt und somit Kommunikation im Minutentakt zwischen Großbritannien und Nordamerika möglich sei, eine Ära immerwährenden Friedens zwischen GB und den USA ihren Anfang nähme. Wer sich minutenschnell austauschen könne, der könne schließlich alle potentiellen Konflikte oder Unstimmigkeiten im Nu aus dem Weg räumen. Bald musste man aber feststellen, dass dem nicht so war, wobei hier unterschiedliche Faktoren ihren Teil dazu beitrugen (hohe Kosten pro Nachricht, weshalb diese stark verkürzt wurden, diplomatisches Prozedere, das mit dieser neuen Form der Kommunikation nur schwer zu vereinbaren war, etc.) – In der britischen Presse der damaligen Zeit wurde diese Entwicklung dann wiederum ausgesprochen reflektiert betrachtet und techniksoziologische Betrachtungen angestellt, die heutigen Ansätzen in nichts nachstehen (ich habe da nur Einblicke in die britische Presse, wie an anderer Stelle darüber geschrieben wurde, weiß ich nicht). Ironischerweise war es dann einige Jahrzehnte später ein Telegramm, mit dem Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte…
    Aber wie gesagt… das nur am Rande.
    Ansonsten – schöner Vortrag! Like! Respect! 🙂

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