Der Tod der freien Forschung

Österreichs Regierung wird mit ihren Kürzungen renommierte Forschungsinstitute umbringen. Spitzenwissenschafter schlagen Alarm



Bericht: Ingrid Brodnig & Bernhard Fischer



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Renommierte Forschungseinrichtungen müssen zusperren, Wissenschaftler verlieren ihren Job, noch mehr kluge Köpfe wandern aus, EU-Fördermillionen gehen verloren, heimische Firmen reichen weniger Patente ein – Österreich verliert den Anschluss an die internationale Forschung.



Was sich wie ein Horrorszenario anhört, könnte der Republik bald bevorstehen. Die Regierung plant im neuen Budget grobe Einschnitte bei der außeruniversitären Forschung – betroffen sind namhafte Einrichtungen wie das Institut für Höhere Studien, das Österreichische Institut für internationale Politik oder die Sozialforscher von Sora, die Hochrechnungen für den ORF erstellen. 28 Millionen Euro will Rot-Schwarz sparen, die Wissenschaftler schlagen Alarm. Sie warnen vor einem Kahlschlag für die Wissenschaft, vor Schließungen und Kündigungen. Auf der Plattform „Wissen schafft Österreich“ kämpfen sie gegen die Sparpläne an. Mehr als 6000 Menschen, darunter viele Wissenschaftler, haben die Petition schon unterschrieben.



In der Tat könnte die Regierung mit diesen Kürzungen den Forschungsstandort Österreich nachhaltig beschädigen. Es dauert oft Jahre, bis sich Institute einen internationalen Ruf aufgebaut und Zugang zu lukrativen europäischen Förderprogrammen bekommen haben. Die Forschung außerhalb der Universitäten ist ein sehr wettbewerbsorientierter Bereich. Derzeit behaupten sich mehrere österreichische Institute im internationalen Spitzenfeld. Trotzdem könnte ihnen nun die Basisfinanzierung gänzlich gestrichen werden.



Zum Beispiel die Research Studios Austria. Im neunten Wiener Gemeindebezirk, in einem gewöhnlichen Altbau, wird die Zukunft der Informationsvermittlung geprobt. Hier entwickeln Wissenschaftler Werbeplakate, die mit Sensoren ausgestattet sind und auf Passanten reagieren. Ein anderes Forschungsteam programmiert intelligente Lernsoftware, die den Computeruser während Arbeitspausen prüft und dessen Wissen schrittweise verfestigt. Microlearning heißt diese Technologie und wird bereits bei der Weiterbildung von Lungenfachärzten eingesetzt. „Das Ziel ist, dass Ärzte nach dem heutigen Wissensstand der Medizin agieren und nicht nach dem Wissensstand aus ihrem Studium“, erklärt Projektmanager Gregor Cholewa den Forschungsnutzen des Microlearnings.



Die Research Studios sind eine österreichische Erfolgsstory. Hier wird anwendungsbezogene moderne Forschung betrieben. Cholewa und seine Kollegen haben neulich zwei große europäische Forschungsaufträge an Land gezogen – gesamtes Fördervolumen: drei Millionen Euro. Das Problem ist aber, dass diese EU-Gelder eine Co-Finanzierung benötigen. Sonst sind die Projekte nicht umsetzbar. „Die EU finanziert knapp 70 Prozent von den drei Millionen Gesamtforschungskosten“, sagt der Projektmanager. Die Basisfinanzierung wurde bisher vom Bund aufgebracht. Nun fürchten sie, dass das gesamte Geld wegfällt.



Die Kürzung der Basisfinanzierung löst eine Kettenreaktion aus: Ohne Geld vom Bund gibt es kein Geld von der EU. In der Folge müssen Mitarbeiter gekündigt, im schlimmsten Fall ganze Forschungseinrichtungen zugesperrt werden. Die Research Studios Austria sind kein Einzelfall.



„Wir bereiten für das Ende dieses Monats bereits den Liquidationsbeschluss vor“, sagt Otmar Höll, Direktor des Österreichischen Instituts für internationale Politik (OIIP), eines international angesehenen Think-Tank, der eine ganze Generation von Politologen ausgebildet hat. Nun wird dem OIIP ein Viertel seines Jahresbudgets gestrichen. „Wenn keine andere Lösung gefunden wird, müssen wir zusperren.“



Die kleinen Institute sind durch die Sparmaßnahmen besonders gefährdet, aber auch größere Einrichtungen stellen sich auf Jobabbau ein. „Wenn es kein Geld gibt, dann werden wir die Leute kündigen müssen“, meint Erhard Busek, Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa. Der ehemalige ÖVP-Vizekanzler hält diese Politik für „eine Blamage“.



Dabei hatte es vor einem halben Jahr noch ganz anders ausgesehen. Da versprach Finanzminister Josef Pröll vollmundig auf der ÖVP-Klausur: „Österreich soll bis 2020 zu den Top-drei-Forschungs- und Innovationsstandorten Europas aufschließen.“ Im Forschungs- und Technologiebericht der Regierung wurde ausdrücklich die außeruniversitäre Forschung gelobt, diese bilde „einen wesentlichen und spezifischen Bestandteil des österreichischen Innovationssystems“. Im Vorwort des Berichts kündigten die ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl und die SPÖ-Infrastrukturministerin Doris Bures „die Schaffung exzellenter Rahmenbedingungen für Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen“ an. Von Exzellenz ist heute keine Rede mehr. Im Wissenschaftsministerium wird darauf hingewiesen, dass jedes Ressort sparen müsse. Das seien „schmerzhafte Einsparungen“, aber man befinde sich in Gesprächen mit den betroffenen Instituten.



28 Millionen Euro will die Regierung weniger ausgeben. Kommendes Jahr wird die Basisfinanzierung um vier Millionen gekürzt, ab 2012 dann vollständig gekappt. Dabei sind 28 Millionen Euro für die Republik ein vergleichsweise lächerlicher Betrag. Allein die Verschrottungsprämie kostete im Vorjahr 45 Millionen Euro.



„Es handelt sich nicht um eine reine Budgetmaßnahme, es ist auch eine Strukturbereinigung“, meint Elisabeth Grabenweger, Sprecherin von Ministerin Karl. So stamme die Basisförderung noch aus den 70er-Jahren, heute könnten die Universitäten neue Forschungsfelder selbst beackern. Denkbar sei zum Beispiel, dass betroffene Institute künftig Teil der Unis werden.



Dieser Gedanke behagt den außeruniversitären Forschern nicht. „Die Unis haben auch ohne uns genug Probleme. Und es ist nicht vorgesehen, dass die Universitäten dann mehr Geld bekämen“, sagt etwa Jörg Flecker, wissenschaftlicher Leiter von Forba, der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt. Auch seine Einrichtung braucht die Basisfinanzierung, um an EU-Gelder heranzukommen.



Genau darauf pochen die Institute. Sie sagen: Wenn der Bund nicht die Basisfinanzierung investiert, verliert Österreich die Geldflüsse aus Brüssel. „Bisher wurden die außeruniversitären Institute unterstützt, Anträge zu stellen. Mit jedem Euro, den die Republik in die Hand nahm, wurden zehn Euro an Forschungsumsätzen akquiriert“, sagt Sozialforscher Christoph Hofinger von Sora. Demnach hätten die Kürzungen zwei Auswirkungen: „Die österreichischen Institute werden den Anschluss an die europäische Forschung verlieren. Und zweitens wird der Braindrain von Wissenschaftlern verschärft. Vielen wird nichts anderes übrig bleiben, als ins Ausland zu gehen.“



Dieser Prognose schließen sich viele Institutschefs an. Von einem „Akt der Bewusstlosigkeit“, einer „unglaublichen Planungslosigkeit“ und „selektiven Vorgaben des Finanzministers“ sprechen diese. Letztlich droht dem Forschungsstandort Österreich auch ein schlechteres Image im Ausland. Institute wie das OIIP haben über Jahrzehnte hinweg Forschungsbeziehungen von den USA bis Korea aufgebaut. Wenn sich nun österreichische Einrichtungen wegen Geldmangels aus internationalen Projekten zurückziehen müssen, spricht sich das in der Wissenschaftsszene herum. Und Österreich wird es noch schwerer fallen, kluge Köpfe aus dem Ausland anzuwerben.



Nun formiert sich der Widerstand. Auf der Plattform „Wissen schafft Österreich“ melden sich die Forscher zu Wort. Lanciert hat die Initiative Peter Bruck, wissenschaftlicher Gesamtleiter der Research Studios Austria. Er kann nicht fassen, dass die Regierung die Sparmaßnahmen tatsächlich umsetzen will: „Man kann wissenschaftliche Forschungsprojekte gar nicht so schnell abdrehen, die laufen zum Teil über drei bis vier Jahre hinweg. Oft dauert es schon drei Jahre, um solche Forschungsaufträge überhaupt zu bekommen.“ Parallel zu dieser Plattform arbeitet Hannes Androsch an einem Bildungsvolksbegehren. Der Forschungsratschef und ehemalige SPÖ-Finanzminister spricht von einer „Petition gegen Provinzialisierung“ und fordert eine ausreichende öffentliche Finanzierung von Bildung und Wissenschaft. „Wir gehen den falschen Weg“, sagt Androsch, „auch die Deutschen machen eine Budgetkonsolidierung, bauen aber gleichzeitig das Budget für Bildung und Forschung aus. Die Deutschen erhöhen die Forschungsausgaben sogar um 7,5 Prozent pro Jahr.“



In Österreich hingegen beobachten die Forscher die Budgetpläne mit Angst und Argwohn, darunter auch Wissenschaftsstars wie Anton Zeilinger. Der erfolgreiche Quantenphysiker muss nicht um seine Abteilung an der Akademie der Wissenschaften fürchten. Die Akademie selbst wird nicht bei ihren Topinstituten den Rotstift ansetzen, womöglich muss sie aber weniger erfolgreiche Institute schließen. Da wird Zeilinger grantig. „Wir sollten nicht stolz darauf sein, dass wir zumindest die wenigen Topinstitute beibehalten können“, sagt er, „wir sollten überlegen, wie man die Topinstitute ausbauen und welche neuen Topinstitute man schaffen kann.“



Laut dem Wissenschaftler braucht die heimische Forschung nicht weniger, sondern mehr Geld. Er wünscht sich eine Erhöhung um fünf Prozent pro Jahr für außeruniversitäre und universitäre Forschung: „Ansonsten verkommen wir zu einer Art Disneyland. Dann kommen uns die chinesischen Touristen besuchen und machen Fotos von den Bergen und Seen, mehr haben wir dann nicht mehr zu bieten.“









Dieser Bericht ist im Falter (Ausgabe 44/10) erschienen. Tag Cloud erstellt mit Wordle

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