Der Wind bläst aus China

Heimische Ökofirmen sind weltweit jetzt schon top. Wird sie das neue Ökostromgesetz endlich unterstützen?

Es ist ein Monster! 105 Meter hoch, 335 Tonnen schwer. Neun riesige Lastwägen braucht es, um alle Teile herzukarren. In Höflein im tiefsten Burgenland, zwischen Sonnenblumen und Getreidefeldern, werden solche Windräder gebaut. Ein neuer Windpark entsteht, Baumeister Thomas Trevisani inspiziert gerade eine Lieferung. “Die Rotorblätter müssen widerstandsfähig sein, aber nicht zu steif“, sagt er. Der Techniker spricht gerne von den mechanischen Feinheiten der Anlage und dem Ingenieursgeist dahinter. Sechs Windräder gehen hier bald ans Netz und liefern genug Strom für eine Kleinstadt mit 24.000 Menschen, also zum Beispiel Baden bei Wien.

Baustellen wie diese gibt es in Österreich nicht viele. Der Ausbau von Ökostrom geht schleppend voran. 2009 wurde kein einziges Windrad errichtet, der Solarstromanteil liegt bei mageren 0,15 Prozent. 1995 noch bei 75 Prozent, ist der Anteil erneuerbarer Energieträger am Stromverbrauch heute auf 68 Prozent gesunken. Österreich fällt beim Ökostrom zurück.

Das soll sich nun ändern, verspricht die Regierung. Sie beschließt diese Woche eine Novelle des Ökostromgesetzes. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) kündigt 80 Prozent Ökostrom für das Jahr 2020 und eine jährliche Förderung von 40 Millionen Euro an. Den Umweltorganisationen ist das zu wenig, die Industriellenvereinigung hingegen beklagt eine “Kostenexplosion“ für ihre Betriebe.

Obwohl Ökostrom ein Stiefkind der Politik ist, sind heimische Firmen international ganz weit vorne. Sie verkaufen ihre Technologie weltweit und betreiben im Ausland Windparks. Nehmen wir zum Beispiel die WEB (“Windenergie bringt’s“). Ihr gehört der neue Windpark in Höflein, aber auch Windräder in Deutschland, Tschechien, Frankreich oder Italien. “Der Gang ins Ausland war eine Trotzreaktion“, sagt Firmengründer Andreas Dangl, “quasi um zu zeigen: ‚Wenn ihr uns hier nicht unterstützt, dann schaffen wir es im Ausland.‘“

Ökostrompionier Dangl machte 1991 mit seiner Frau Urlaub an der deutschen Nordsee. “Hinter den Containerschiffen sah man Windräder“, erzählt er, “mich haben die drehenden Rotoren fasziniert, ich dachte: Warum nicht auch in Österreich?“ Das erste Windkraftwerk baute er vier Jahre später mit Bürgerbeteiligung in Niederösterreich. 100 Menschen wurden damals Aktionäre. Heute hat die Aktiengesellschaft 3300 Anleger und einen jährlichen Umsatz von 40 Millionen Euro. Die Zentrale liegt aber noch immer im kleinen Örtchen Pfaffenschlag im Waldviertel.

Der Firmenchef kritisiert die österreichische Förderpolitik als “ständiges Stop-and-Go“: Ein paar Jahre lang gebe es fixe Fördervolumen, dann werde wieder an neuen Gesetzen gearbeitet, gespart oder gezögert. “Für eine Firma sind solche Stops problematisch. Man nimmt Personal auf, aber plötzlich kommen keine neuen Projekte herein“, sagt er. Während so einer Phase expandierte WEB nach Deutschland – es sei der einzige Weg gewesen, um zu wachsen.

Derzeit blicken die Ökofirmen gespannt aufs Parlament. Noch diese Woche, voraussichtlich am Mittwoch, wird die Novelle ausgeschnapst. “Ich bin vorsichtig optimistisch“, meint Dangl. Der bisherige Entwurf sei ein Fortschritt. Es sieht mehr Fördergelder und einen Abbau des Staus vor. Derzeit warten viele fertigkonzipierte Projekte nur darauf, endlich gefördert zu werden.

Inzwischen hat Dangl eine Tochterfirma in Kanada aufgesperrt. Fünf Windräder sollen noch 2012 in der Provinz Ontario ans Netz gehen.

Windräder in Kanada, Firmensitz in Pfaffenschlag, 7000 Kilometer Distanz dazwischen. Wie das funktioniert? Mit österreichischer Technik. In den kanadischen Windrädern sind Steuerungssysteme eingebaut, die aus Feldkirch stammen. Der Elektronikkonzern Bachmann hat seine Zentrale in Vorarlberg.

Jedes zweite Windrad, das derzeit auf der Welt errichtet wird, ist mit Bachmann-Technologie ausgestattet. Das Vorarlberger Unternehmen produziert sogenannte Steuerungssysteme. Es ist ein wesentlicher Bestandteil eines Windrads, das Gehirn der Anlage. Die Steuerung kontrolliert permanent den Zustand der Maschine. Sie weiß, wann sich ein Windrad drehen, wann es sich wegen zu heftigen Sturmes abschalten muss, und meldet sofort einen Defekt.

Einst war Bachmann ein herkömmliches Technikunternehmen für Automationstechnologie. Dann merkte man, dass die eigene Hardware perfekt zur Windbranche passte, und wuchs rasant. Heute macht Bachmann jährlich 85 Millionen Euro Umsatz, drei Viertel davon kommen aus der Ökobranche.

“Unsere Kunden stammen generell nicht aus Österreich“, erklärt Frank Spelter, Kommunikationsleiter von Bachmann. “Es ist eine politische Entscheidung, auf welche Energieträger man setzt“, sagt Spelter, “wenn Österreich eine andere Politik fahren würde, wären wir hier sicher aktiver.“ Er sieht das pragmatisch. Wo Nachfrage ist, geht sein Konzern hin. Derzeit in die USA, nach Indien und China.

Baumanager Trevisani, Firmengründer Dangl, Konzernsprecher Spelter. Sie zeigen, dass Ökopioniere hierzulande nicht dank, sondern trotz der heimischen Energiepolitik groß geworden sind. Ähnlich ist das in anderen Ökosparten, etwa der Fotovoltaik. Die Welser Firma Fronius, die Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt, ist einer der Global Player im Solarstrom und hat 2010 Tochtergesellschaften in sieben Ländern gegründet – von Bratislava bis Puebla in Mexiko. Hierzulande führt die Sonnenenergie ein Schattendasein.

Diese Woche beschließen die Parteien, wie viel ihnen Ökostrombranche und Energiewende wert sind. Auf der Baustelle im Burgenland, wo die Sonnenblumen blühen und permanent der Wind bläst, steht Trevisani und mustert eines seiner neuen Windräder vom Typ Vestas V90. Die dänische Firma Vestas ist Marktführer unter den Windraderzeugern. Zumindest bisher. “In Österreich stehen derzeit rund 620 Windräder und liefern tausend Megawatt Strom. Die Chinesen haben allein im letzten Jahr 16.000 Megawatt errichtet“, meint Trevisani und ist sich sicher: Schon bald werden diese Investitionen zur Marktherrschaft führen. “Die Chinesen werden uns überrollen.“

 

Dieser Artikel ist im Falter (Ausgabe 27/11) erschienen

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