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Herr der Bücher

Im Streit zwischen Amazon, Autoren und Verlagen geht es um nichts Geringeres als die Frage: Wer beherrscht den Buchmarkt?

Was? Krimiautor Douglas Preston ist derzeit nur schwer am Telefon erreichbar, unser Anruf hat ihn aber erreicht. In New Mexico, wo er gerade mit seinem Sohn campiert, hebt er ab. Er hat noch gar nicht davor gehört, welche Aufregung sein Protestbrief hierzulande auslöste: Jetzt kritisieren auch noch deutsche, österreichische und Schweizer Autoren den Onlinehändler Amazon. “Ich muss wohl einen Nerv getroffen haben, auch in Europa”, sagt er.

Preston, ein vielfach ausgezeichneter Krimiautor, war der Erste, der sich auflehnte. Anfang Juni schrieb er ein E-Mail an einige Schriftsteller und beklagte Amazons Verhandlungstaktik, die ihm und einigen Kollegen schadet.

Seit Monaten verhandelt Amazon mit dem amerikanischen Verlagskonzern Hachette :Der Onlinehändler will bessere Konditionen und demonstriert, wie mächtig er ist. Teil eines Kräftemessens, wer das Sagen am Buchmarkt hat und langfristig auch die Preise bestimmt.

Großes Pech haben Autoren wie Preston, die bei Hachette publizieren. Ihre Bücher werden häufig wesentlich langsamer ausgesendet als Romane von Autoren anderer Verlage. Mehrere Wochen Wartezeit können anfallen, warnt Amazon. Dabei gibt es gar keine Lieferengpässe. Amazon übt Druck auf die Verhandlungen aus – und schadet ganz nebenbei den Autoren.

“Wir schlagen uns im Konflikt zwischen Amazon und Hachette auf keine Seite, aber wir fordern Amazon nachdrücklich auf, aufzuhören, der Lebensgrundlage der Autoren Schaden zuzufügen”, schrieb Preston in seinem Mail, das schließlich “viral” wurde und von immer mehr Schriftstellern geteilt, gelesen und von mehr als 900 Autoren unterschrieben wurde, darunter Größen wie Stephen King, Suzanne Collins und Paul Auster.

“Ich hatte anfangs lediglich auf ein paar Unterstützer gehofft”, sagt Preston, den auch das deutschsprachige Echo beeindruckt. Weit mehr als 1000 Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz schlossen sich dem Protest an, darunter Juli Zeh, Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann. Auch in Deutschland wendet Amazon umstrittene Methoden an.

Derzeit streitet der Onlinehändler mit dem Medienhaus Bonnier, dem Verlage wie Piper, Ullstein und Carlsen gehören. Deutschsprachige Autoren berichten von Sanktionen: Bücher würden verlangsamt ausgeliefert, über die Lieferbarkeit fänden sich Falschaussagen. Amazon greift angeblich auch in die Empfehlungslisten ein: Wer für einen Verlag im Bonnier-Besitz schreibt, dessen Bücher tauchen demnach nicht mehr in den Empfehlungslisten auf, in denen es heißt “Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch “.

So schadet Amazon Autoren. Eindrucksvolle Zahlen liefert Douglas Preston. Der Amerikaner schreibt gemeinsam mit Lincoln Child Kriminalromane, richtige New-York-Times-Bestseller. Seine Taschenbuch-Verkäufe sind nun um 60 Prozent eingebrochen, ebenso seine E-Book-Verkäufe, bei den Hardcover-Umsätzen brachen sogar mehr als 80 Prozent weg.

Wie Amazon Kunden weglockt, berichtet eine andere Hachette-Autorin: Marla Heller verfasst Diät-Ratgeber und rief unlängst die Produktseite ihres populärsten Buchs auf. Dort warb Amazon gut sichtbar für “gleichartige, aber günstigere Produkte” – die natürlich nicht von Hachette stammen.

In den USA wie auch hierzulande ärgert dies sogar jene Autoren, die gar nicht betroffen sind. “Natürlich zeige ich mich solidarisch”, sagt die österreichische Schriftstellerin Eva Rossmann, die sich dem Protest schon frühzeitig anschloss, “es kann doch nicht sein, dass wir Autorinnen und Autoren in Geiselhaft genommen werden.”

Es geht bei dem Streit nicht nur um die Nöte der Autoren, sondern um Zukunftsfragen des Buchhandels. Sowohl von Hachette als auch von Bonnier will Amazon günstigere Konditionen. Die genauen Details kennen nur die Verhandlungspartner, aber wie der Guardian berichtet, wird wohl um den Anteil beim E-Book-Geschäft gefeilscht. Üblicherweise erhält Amazon 30 Prozent vom Verkaufspreis, angeblich will der Onlinehändler nun die Hälfte.

Weiters sollen E-Books günstiger werden, fordert der Händler. In den USA sollen sie maximal 9,99 US-Dollar kosten.

“E-Books können und sollten günstiger als gedruckte Bücher angeboten werden – und dies sollte auch für die Preise gelten, zu denen Buchhändler bei Verlagen einkaufen”, sagt Amazon Deutschland auf Anfrage des Falter. Ein E-Book verursache keine Druckkosten, keine Überbestände, keine Retouren, keine Lagerkosten und keine Transportkosten.

Amazon präsentiert sich hier als Vertreter der Konsumenten, ja sogar als Vertreter der Zukunft. “Was dem Buchhandel widerfährt, das ist nicht Amazon. Was dem Buchhandel passiert, ist die Zukunft”, sagte Firmengründer Jeff Bezos erst vergangenen Dezember in einem TV-Interview. Teil dieser Zukunft ist laut Amazon, dass E-Books deutlich günstiger sein sollen.

Wenn digitale Bücher günstiger werden, kaufen Menschen demnach mehr davon. “Man bedenke: Bücher stehen nicht nur mit anderen Büchern im Wettbewerb, sondern auch mit Handyspielen, Fernsehund Filmangeboten, Facebook, Blogs, Gratis-Nachrichtenseiten und anderem”, heißt es auf der Website Amazons. Wer Bücher billiger mache, rette also die Buchbranche.

Eine umstrittene Argumentation, denn wenn Bücher mit Gratisprodukten konkurrenzieren, wie viel dürfen sie dann überhaupt noch kosten? Laut Schätzungen des Branchenmagazin Buchreport nimmt Amazon Deutschland etwa ein Viertel seines Umsatzes mit Büchern ein, anders als die Verlage, deren Existenz ganz auf dem geschriebenen Wort aufbaut.

“Wir sehen viele Chancen durch die eBooks, aber derzeit leben wir vom Printgeschäft”, sagt Benedikt Föger, Chef des Czernin-Verlags und Präsident des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels, “wenn das E-Book wesentlich günstiger ist als die Printausgabe, kaufen weniger Menschen die gedruckte Ausgabe. Damit schaden wir dem Buchhandel und machen uns noch mehr von Amazon abhängig.”

Das erklärt die Skepsis zum Teil, die österreichische Verleger dem E-Book entgegenbringen. In den USA machen die digitalen Ausgaben bereits ein Viertel des Buchmarkts aus, hierzulande ist von fünf Prozent die Rede. Letzteres ist aber nur eine Schätzung des Hauptverbands des Buchhandels. “Es ist kontraproduktiv, wie zögerlich die österreichischen Verleger vorgehen und das Thema E-Book oft kleinreden”, sagt der Branchenexperte Rüdiger Wischenbart.

In seinen Augen sind deutschsprachige E-Books tatsächlich zu teuer. “Man versucht ,das Printgeschäft, das langsam zurückgeht, zu schützen, und verhindert damit einen Wachstumsmarkt”, sagt er. Die Gefahr sei, dass die Loyalität der zahlenden Kundschaft sinke, mittelfristig die Piraterie steige und Verlage an Bedeutung verlören.

“Mir ist die Branche zu defensiv, aber ich will mich keineswegs auf die Seite Amazons schlagen”, so Wischenbart. Er hält es etwa für überzogen, sollte Amazon tatsächlich 50 Prozent der E-Book-Einnahmen fordern. Die großen Kosten fallen nämlich bei den Verlagen an. Sie bezahlen die Autoren, das Lektorat, die Rechtschreibkorrektur, die Grafik und die Bewerbung des Buchs. Warum soll Amazon die Hälfte bekommen?

Aber auch Hachette und Bonnier brauchen kein Mitleid: Hachette zählt zu den “Big Five”, den fünf großen Verlagshäusern in den USA -einem extrem konzentrierten Markt, in dem viele kleine Verlage zusperren mussten. Bonnier ist eines der drei großen Verlagshäuser in Deutschland, die es kleinen Mitbewerbern schwermachen. Arm sind lediglich jene Autoren, die als Bauernopfer eingesetzt werden, auch rechtlich ein umstrittenes Vorgehen. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels legte bereits beim Bundeskartellamt Beschwerde gegen dieses “erpresserische Vorgehen” ein.

Der Streit zeigt, wie groß die Ungewissheit im Buchhandel in Zeiten der Digitalisierung ist. Vor allem aber verdeutlicht er die Gefahren der Marktkonzentration und die Macht Amazons. Deutsche und amerikanische Autoren mucken auf, genau genommen sind die US-Schriftsteller stärker von den Sanktionen betroffen. Dort werden vier von zehn neuen Büchern über Amazon verkauft. In Deutschland sind es deutlich weniger. Die gute Nachricht lautet: Amazons Anteil am deutschen Buchhandel beträgt laut Schätzungen des deutschen Börsenvereins “nur” 18 Prozent.

 

Dieser Artikel erschien in Falter 34/14. Bild: Flickr-User goXunuReviews (Foto nachbearbeitet)

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